Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 8 (8.1907)
- Date
- 1907-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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144 No 8 Ich will nicht als Ankläger gegen die Vereine oder die Turnerschaft hier auftreten. Sie haben gewiss getan, was sie konnten und was sie wussten. Nur war dies beides recht wenig. In den reichsdeutschen jüdischen Turnvereinen entsprechen die turnerischen Qualitäten im grossen Qanzen dem Massstab, den man an nicht allzu sehr bedeutende Vereine legen darf. Die Zucht in der Malle und im Vereine ist auch nicht schlecht, kurz und gut, der Verein bietet nach aussen hin ein ganz gutes Bild. Wer aber dann bei den Mitgliedern herumgeht und sie einzeln nach dem Zwecke des Turnvereins, und über die Bedeutung und die Ziele der jüdischen Turnerschaft ausfragt, wird als einzige Antwort eine Frage bekommen; der Gefragte wird in der Mehrzahl der hülle gar nicht wissen, worum es sich handelt. Vielleicht weiss er, dass eine jüdische Turnerschaft existiert und hier und da werden Sie auch ein Mitglied finden können, das Ihnen in etwa über den Inhalt der letzten Turnzeitung, d. h. also nach dem heute üblichen Versendungsmodus über den Inhalt der vor-vor-vorigen Nummer (na, na! Die Red.) etwas berichten kann. Alles übrige aber ist ihm Hekuba. Er turnt in dem Vereine, weil der und jener auch da turnt, weil er Angst hat, in die anderen Vereine zu gehen, weil es ihm in einem jüdischen Vereine besser passt. Und wenn Sie dann vielleicht in löblichem Eifer einen Vortrag arrangieren, der nach Ihrer Meinung den jüdischen Gedanken den Turnern näher bringen soll, so werden Sie die Erfahrung machen, dass ausser den Mitgliedern der Damenabteilung — wenn der Verein eine solche hat — und den Mitgliedern des Vorstandes fast niemand erschienen ist.*) Mit anderen Worten: Das Interesse für jüdische Dinge ist minimal und das Verlangen nach der Beschäftigung mit dem Judentum wird allzu leicht als eine Belästigung empfunden. Aber können wir uns über solche Dinge wundern? Wie wird uns denn die jüdische Jugend, auf die wir doch in erster Linie angewiesen sind, übet geben? Die jüdische Jugend ist schon entjudet, wenn sie die Schule verlässt. Sie kennt, gleichgiltig, ob sie eine jüdische Volksschule besucht oder ihren jüdischen Unterricht auf höheren Schulen empfangen hat — vom Judentum in der Regel nur einen schwachen, sehr geringfügigen Abglanz seiner Sitten- und Religionslehre, sie kann, und das nur zum Teil, etwas hebräisch lesen und in manchen Fälle auch schreiben, sie hat etwas Gebete übersetzen gelernt, hat aber nichtsdestoweniger oder vielleicht deshalb von der hebräischen Sprache keinen Dunst und kennt etwas biblische Geschichte. Das ist Alles. Die grosse Geschichte des Judentums und seine ganze Gegenwart sind ihr fremde Götzen. Es leuchtet ohne Weiteres ein, dass es ausserordentlich schwer sein muss, einer solchen Jugend Liebe und Begeisterung für das Judentum beizubringen. Dass das moderne Judentum ein Volk von 12 Millionen darstellt, dass es verbunden ist durch ein gemeinsames Fühlen und ein gemeinsames Leiden, dass es Juden nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen Ländern der Erde gibt, dass das Judentum auch nach der Bibel eine grosse, ruhmreiche und lehrhafte Geschichte erlebt hat, warum es einen Antisemitismus gibt und wie wir ihn bekämpfen müssen, dass das moderne Judentum grosse unifassende Organisationen geschaffen hat und was diese bedeuten — dies alles ist ihr fremd. Sie lernt nur zu bald erfahren, dass sie Jude ist, sie lernt die Annehmlichkeiten auskosten, die ihr die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke bringt, aber das ist alles. Irgend ein Gegenwert wird ihr dafür nicht geboten. Kann es unter solchen Umständen Wunder nehmen, dass wir keinen Eindruck erzielen, wenn wir predigen, das Judentum sei nicht nur eine ' ) Uns erscheint diese Darstellung doch erheblich zu schwarz. Die Red.