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Jüdische Turnzeitung · 1907-04-01 · 4 (4.1907) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
8 (1907)
Issue
4 (4.1907)
Date
1907-04-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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70 No. i tauben soll. „Das Beth-Hamidrasch haben wir verlassen, wir müssen zeigen, dass wir ein Besseres dafür erworben haben." Das ist Glicensteins Streben in seinen Worten. So soll seine Moderne seine Erinnerung überwinden; aber sie kann es so wenig, als sein Äusseres, das alle Formen der modernen Welt übernimmt, doch die Erinnerung an die Jeschibah verwinden kann. Aber diese Zweiheit ward zur herrlichen Harmonie in seinem Unbewussten, in der Art seiner Kunst. In die Leibesformen, die sein heidnisch Auge trinkt „was die Wimper halt", goss er die jüdische Seele. Ja, die heiligen Momente der ersten künstlerischen Konzeption werden ihm immer aus dem Seelischen heraus geboren. Ein Leidenszug, eine rührende Miene, ein fliegendes Lachein, ein sinnendes Zagen, eine müde Verlassenheit, schlummernde, von starkem Erwachen träumende Grösse, unbändiges Kreftgelühl — das sind so Erreger seiner Phantasie. Ihre Ausgestaltung im bestgeeigneten plastischen Menschentypus ist immer erst das Zweite, das später gesuchte, oft erst nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten Gefundene. Und es ist wunderbar, wie dann die Ausgestaltung gefunden ist. Jede Linie, Falte, Erhöhung, Dehnung, Spannung und Lösung legt sich um den ersten Kern, die konzipierte Stimmung, um des Werkes Seele. Glicenslein hat nicht Spott und Sarkasmus genug für die Quasikünstler des rein Äusserlichen, die fleissigen sorgsamen Zeichenhandwerker, die da portraitieren und portaitieren jede sichtbare Linie der Ähnlichkeit treffen, — aber nur Totes, Seelenloses produzieren. Selber ohne Seele, sprang kein einziger Funken der fremden Seele, dessen was wert war der Gestaltung, auf sie hinüber. Darum sind ihre Werke, wie ohne Eigenseele, so auch ohne die Seele des Schöpfers, d. h. völlig ohne Persönlichkeit. Glicenstein, der Seelen im Tone meisselt, meisselt nie etwas anderes als seine eigene Seele, nichts als sich selbst. Es ist unendlich rührend, wie er das in seiner stockenden Rede ausdrückt: eure eigene Tragödie, eure eigene Verlassenheit, Gejagtheit, euer Schwanken und Nichtwissen — wohin, euren Trotz, eure eigene wilde Empörung, sagt, malt ihr das nicht?? — Wie ein brennender Dornbusch, von eigener Flamme lohend, geht dieser Einzige einher; alles, was ihm nahkommt, erfasst er, erfüllt es mit sich, adelt es in seiner Lohe. Aus diesen weit offenen Augen, wie 8US glühenden Kohlen, schlägt eine unsägliche Liebe zu allem, zur ganzen Schöpfung, zum Kleinsten der Kleinen. Er gerät in Erregung, wenn jemand äussert, der oder das sei weniger schön oder sei gar hässlich. Für ihn leuchtet ohne Ausnahme alles in eigenartiger Schönheit, die nur kaum ein zweiter wie er, der Hellsehende voll Liebe, aus der Schale hervorlockt. Und so in brennender Liebe schafft er. Er geniesst weder Speise noch Trank, es sei denn nachdem er sein Gesehenes vollendet. Nach seiner eigenen Beichte: mit Qual, mit einer gewissen Wut, mit knirschenden Zähnen formt er, bis es gelungen. Schwierigkeit, Unmöglichkeit darf es nimmer geben. Der Wille ist in ihm und für ihn alles, zeugender, formender, erfüllender Gott. So vollgetränkt ist er von unbändigem Willen, dass er Vhn allein für seinen Genius halt, ja für den Künstlergenius überhaupt. Esjst fast zum Lächeln: dass er geradezu Jede Begabung leugnet und nur eine „Ertveckung zum Willen" und zum eisernen Fleiss in dessen Dienste» mr

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