Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 4 (4.1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 69 hochzukommen festgeklammert? Vor zwei Jahren, am letzten Baseler Kongress, war er plötzlich da, ein Eigener, Ganzer, Fertiger, still und voll Ausgereifter, ein Grosser der Plastik. Und mehr: ohne prunkhafte Beichte, ohne feierliches Bekenntnis, ohne ein einziges Wort, das verriete, dass hier ein Besonderes geschah — sagte der „Messias", sein grandioses Werk, seinem Volke: ich gehöre Euch! Er hat in der Fremde lernend, deren Kraft und Schönheit mit seiner eigenen, volkstümlichen erworben. Aber nicht einen einzigen Augenblick hat er sich an sie verloren. Sein Inneres fusste wurzelfest in seinem Volke. In all den vielen MUnchener Lehr- und römischen Meisterjahren hat er nicht einen Tag seine Seelenheimat vergessen. Und er dachte ihrer nicht mit Bitterkeit und Verachtung, sondern mit schmerzlicher Wehmut und lauterster Liebe. Keiner unserer Modernen hängt so sehr am Ghetto, so an der „alten Schönheit", am Traditionellen. So, in seinen feinsten Fasern, ist er damit verwachsen, dass ihm ein neues jüdisches Werden schier unmöglich scheint, ohne das ganze Alte in sich aufzunehmen und neu erstehen zu lassen. Darum ist sein Messias, dieser Kaiser der Zukunft, dieser Weltenbefreier, dieser Schöpfer und Walter der kommenden Herrlichkeit zugleich für ihn doch der alte Jude, der erhabene Greis, noch mit den halbgebeugten Schultern des Ghetto und dem uralt traditionellen geweihten Schofar in der ihn treu bewahrenden Faust. Nicht als ob er sich krampfhaft in den Formen und Formeln des altjüdischen Religionslebens hielte. Sein abenteuerndes Künstlerblut und die innere Freiheit seines Künstlerwesens haben ihn längst Uber ihre Grenzen hinausgeführt. Aber es ist seine Tragik, dass er sie nicht als gefallene Ketten, sondern als verlorenes Paradies, als verlassene Schönheit empfinden muss, dass er sich qualvoll nach ihnen wie nach der Unschuld der Jugend zurücksehnen muss, ohne dieser Sehnsucht Erfüllung gewähren zu können. Denn stark und leuchtend steht, schwebt ihm voran, das Alte verbleichend, das allmenschlich Moderne. Er hat den Durst seiner Vorfahren nach „Seele" geerbt, aber aus den Wolken ist ihm der „Sinn des Leibes" als Gabe der Neuzeit zugefallen. Das Leben der Formen, der Rausch des Farbigen, die Flammen und Schleier des Lichts und der Schatten, das inbrünstige Sichrecken und -schmiegen des plastischen Seins der Dinge — all das, was vielleicht kein einziger seiner Ahnen sah, ist sein Atmen und Herzpochen, seine zweite Seele geworden. Im Bewusstsein Glicensteins ist diese Zweiheit ohne Versöhnung geblieben. Er sucht sie heiss bei sich wie bei andern, ohne doch sie zu finden. Der Riss besteht fort, ob er auch gewaltsam ihn schliessen möchte; und im glühenden Streben, beides zugleich zu sein, treibt er die Gegensätze nur mehr und mehr zu ihrer äussersten Schärfe weiter heraus. Jüdischer Ethiker auf der einen Seite, mit so grenzenloser, flammender Forderung, dass sie ans Starre, Moralisierende streift, ob sie auch die Reinheit eines zarten Kindes, das himmelstürmend Erhabene eines Propheten zugleich hat; und „heidnischer" Plastiker auf der anderen Seite, so voll von stürmendem Geniessensdrang und Schöpferdurst, so sich vorwärts Peitschend in unsäglichem Flelss und zähem Ehrgeiz, dass es fast erscheint, als ob Arbeit, Arbeit, nimmermüde Arbeit den Zwieklang in ihm über-