Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 4 (4.1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 61 Städten stellt andere Anforderungen an den Leib, als das ruhig dahinfliessende Leben des Landes. Durch den Kampf ums Dasein wurden die Urvölker dazu getrieben, nach einer Steigerung der körperlichen Kraft, der Gewandheil der Glieder und der Schärfung der Sinne zu streben, um den Beschwerden und Anstrengungen, die die Lebenserhaltung und die Verteidigung gegen Feinde veranlassten, nicht zu unterliegen. Mit der beginnenden und fortschreitenden Kultur änderte sich das Wesen dieser einfachen, aus rein natürlichen Anlässen (Jagd, Krieg, Ackerbau) entstandenen Leibesübungen. Die Bildung des Geistes und des Gemütes trat mehr in den Vordergrund, und es blieben von den Übungen, deren Vornahme den Menschen von der Natur aufgezwungen worden war, nur noch solche bestehen, an denen man ein besonderes Vergnügen fand, die man lür gesundheitsfördernd ansah, oder die für wichtig in der Jugenderziehung und der Wehrhaftmachung der Stammesgenossen gehalten wurden. Die an sich einfachen Lebensverhältnisse gaben ihnen ein einfaches Gepräge; erst unser Zeitalter brachte eine künstlichere Ausgestaltung der Leibesübungen. Die neuere deutsche Turnkunst hat den veränderten Zeitverhältnissen in erfolgreicher Weise Rechnung getragen, und zwar mit ihrem Reichtum der Gerätübungen. Das Turnen ist die körperliche Erziehung; die Ausbildung des Leibes soll im Dienste des Geistes erfolgen. Kraft wird durch jede mechanische Anstrengung der Muskeln erzeugt, aber das Ziel, den Gewinn richtig zu verwerten und haushälterisch mit ihm umzugehen, fordert andere Voraussetzungen. Wenn wir durch systematische Übung eines jeden Muskels, auf anatomisch-physiologischer Grundlage, wie die schwedische Gymnastik sie vorschreibt, Leibeserziehung treiben, so werden damit unzweifelhaft neue Werte geschaffen; die auf dem Nervensystem beruhende Zusammenarbeit der Muskeln ist aber selbst durch fleissiges Üben kombinierter Tätigkeiten keineswegs gesichert. Die Fähigkeit, im Gebrauch des Körpers die passenden Muskeln zu koordinieren, das Mass der notwendigen Kraft abzuschätzen und sie auf das mindeste zu beschränken, jeden Aufwand eines andern Muskels, die störende Nebenbewegung, zu unterlassen, — was wir gemeinhin Geschicklichkeit nennen — muss durch besondere Hilfsmittel, durch technische Einrichtungen, anerzogen werden. Es muss eine Summe von Bewegungsmöglichkeiten geboten werden, die eine volle Beherrschung der Muskulatur in jeder nur denkbaren Konstellation ihrer Teile ergiebt, im nächsten Augenblick andere Gruppen, Agonisten und Antagonisten, erregt und die Nerven durch minutiöse Reizung der Muskeln stählt. Ein Maximum dieser physiologischen Eigenschaften ist bisher nur und ausschliesslich beim Gerätturnen erreicht worden. Durch allmähliche Übung lernt der Wille, die Innervation auf bestimmte Fasern zu richten und nicht unnötig zu verbreiten. Solche Übung, deren Erfolge als körperliche Gewandheit sich darstellen und eine Herrschaft des Willens über den Körper bedeuten, wird durch die geregelten, zusammengesetzten Bewegungen des Gerätturnens in ausserordentlichem Masse hervorgebracht. Statt der unwillkürlichen Mitbewegungen werden dann wohlbeherrschte, zweckmässig und harmonisch zusammenstimmende Bewegungen (koordinierte) erzeugt. Bei den meisten körperlichen Tätigkeiten müssen