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Jüdische Turnzeitung · 1907-04-01 · 4 (4.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
8 (1907)
Issue
4 (4.1907)
Date
1907-04-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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60 No. 4 sprechender, gesetzlicher Leitfaden nötig — sondern die rationellen Vorteile zu erwägen, die für unsere Ausnahmeverhaltnisse von Nutzen sind. In unsern Vereinen betreiben wir das deutsche Turnen, dessen Ursprung und Begründung durch Jahn 1811 unsere Turnbewegung schon in eine historisch-psychologische Verwandtschaft mit der deutschen bringt. Und innerhalb des deutschen Turnens, das sich durch eine Verschmelzung mit der Spiess'schen Lehre zu seiner jetzigen Höhe herangebildet hat, ist es eine Gruppe von Übungen, die den unterscheidenden Kern und den eigentlichen Charakter des Systems darstellt: das Turnen an den Geraten. Lediglich in ihm liegt der markante Gegensatz zur Gymnastik der nordischen und westlichen Völker, ihm gelten die scharfen Angriffe, die das deutsche Turnen namentlich von Schweden und England erfährt. Wir wollen uns mit der geschichtlichen Entwickelung der Gerätübungen beschäftigen, bevor wir des Näheren auf sie eingehen. Im Altertum war das vornehmste Gerät der eigene Körper; die klassische Gymnastik war den natürlichen Ursachen zufolge eine Brauchkunst. Im Lauf, Sprung und Wurf erwarben die hellenischen Jünglinge jene Kultur des Leibes, die uns heute unerreichbar erscheint und die ihnen ihre geistige Vollendung brachte. Geräte in unserem Sinne waren unbekannt, abgesehen von den technischen Einrichtungen für die Vorübungen zum Fünfkampf, u. a. dem Korykos. Speer, Diskus, Bogen, Schleuder, Haltern, dienten, soweit sie nicht Kriegs- und Jagdwaffen waren, zum Ausdruck der erlangten Kraft und als Massstab für den Wettkampf. Dieser Art war auch die Agonistik der alten Juden, die ihre streitbaren Mannen aus dem Stamme Benjamin zu siegreichen Bogenschützen und Schleuderern erzogen, noch bevor sie durch den Hellenismus infiziert wurden und der Hohepriester Jason Champions im Ballschlagen züchtete. Die Athletik vernichtete die hellenische Gymnastik; die neue Weltanschauung, das Christen tum, konnte nur die Erziehung des Geistes brauchen, und erst die am Ende des 18. Jahrhunderts hereinbrechende Aufklärung bahnte die verschütteten Wege wieder. — Der „Erzvater" des deutschen Turnens, Guthsmuths, führte wohl gewisse Übungen an Geräten ein, jedoch nur solche, die sich aus der Natur ergeben und an Gegenstände des täglichen Lebens anlehnten: Schwebebaum, Leiter, Steigebrett, Schaukel, Klettergerüste. Das hölzerne Pferd, das Im Mittelalter vielfach im Heere zum Voltigieren Verwendung fand, übernahm er. Im übrigen hat seine grundlegende „Gymnastik für die Jugend" die freie Bewegung der Gliedmassen zum Leitmotiv. Unsere Geräte schuf Jahn; Reck und Barren, die Aristokratie der Turnplätze, verdanken wir ihm; er und seine Schüler (Eiselen: Bock) waren die Sinner und Dichter des Gerätturnens, lür das sie den breitesten Raum In der Volkserziehung beanspruchten. Wenn auch im Laufe des Jahrhunderts viele Änderungen und Neuerungen notwendig wurden, das Prinzip ist das gleiche geblieben; die Geräte sind die Pfeiler der deutschen Turnkunst. Aus der natürlichen Einfachheit führt die Entwickelung der Leibesübungen zu der Mannigfaltigkeit, die den Stoff unerschöpflich macht. Mit dem Fortschreiten der Kultur, der Schwierigkeit der Lebensführung und des sozialen Kampfes hält die Körperbildung Schritt. Der Ackerbauer be: darf nicht der Konstitution eines Industriearbeiters, der Aufenthalt In grossen

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