Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 3 (3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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34 No. 3 Mehr noch als dies mag zu denken geben. Wir spielen die sonderbare, fast tragikomische Rolle von Menschen, die in Tagen dauernder chronischer Krankheit alle Daten vergangener Genesungsfälle peinlichst feiernd begehen. Heute, ohne Freiheit, jubilieren wir und erzählen wir Wunder von den herrlichen Tagen nationaler Befreiung. Aber eines ist über allem klar: dass nichts in den Augen unserer Väter so unantastbaren Wert besass, dass nichts ihren Seelen so köstlich dünkte, als die goldene Freiheit. Ganz anders aber malt sich in den Köpfen von Herren, ganz anders im Kopfe des Sklaven die freie Welt. Darum klafft eine weite Lücke, die das Verständnis kaum überbrücken mag, zwischen den beiden Festen, dem vom Winterausgang und dem vom Vorlenz. Der Tag der „Lose", die die brutale Faust des Tyrannen Achaschwerosch über Leben und Tod unseres Volkes warf, ward in völlig anderer Epoche geboren als der Tag der „Erlösung", ^a unser Volk selbstherrlich sein Los in die eigenen SchöpferliUndc nahm. Das Sklavcnfcst und das Fest der Freien: das sind Purin' und IVssach. Es ist kein Zufall, dass die Art, unseren Puriin zu feiern» so viele Züge der altrömischcn Sklavenfeste an sich trägt; Truhe' an »Stelle von Jubel, Taumel und Trunkenheit statt Erhebung "m' Erhöhung, Schmaus und Posse und Mummenschanz für Feierfreude und beseeltes Geniessen. Aus den Niederungen knechtischer Erlebnisse aufgestiegen, hat Puriin sich keine anderen als knechtselige Formen schaffen können. Was ist da aber auch für eine historische Erinnerung! Ein versprengter Volksteil ohne Wille und Kraft, ohne Geltung und Ehre: ein Mann, der ein Verbrecherpaai' zur Anzeige bringt und dafür erhöht wird, der sein Volkstum zu verbergen rät, solange Tyrannenlaunc ihre gnädigen Sonnenstrählchen wirft, und erst in der Stunde der allgemeinen Gefahr nicht offenen Aufstand, sondern List und Intrigue für die Allgemeinheit ins Feld schickt, der Rache nimmt an den Feinden des Volkes mit Hilfe eben jener Schergen, die dies Volk eben selbst noch unterm Schlachtmesser hielten: dieser Mann der Genius dieser elenden Volkszcit; daneben ein Weib, das ihre Familie verlässt und i'" Volk verleugnet, um eine Kammer im Harem eines tyrannische» königlichen Lüstlings; und das ganze Erlebnis am Ende? eine Volksgrfahr, aus Laune geboren und in Laune verweht, Bedrohung