Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 7 (1906)
- Issue
- 12 (12.1906)
- Date
- 1906-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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204 No. 12 fahren uns gebracht hat. Das vielgeschmähte Ghetto hat uns zwar oft von Licht und Luft abgeschlossen, aber es schützte doch auch mit seinen Mauern unsere geistige Eigenart und unser eigentümliches Leben, es sicherte uns eine eigene Atmosphäre, in der wir uns recht und schlecht nach unserer Art ausleben konnten. Der Übergang aus dieser nationalen Atmosphäre zu einer Entnationalisierung unseres Lebens war im Grunde ein ganz ungeheueres, eingreifendes Experiment. Das haben wir erkennen und empfinden gelernt. Mit tiefem Schmerze nehmen wir wahr, dass die Nachkömmlinge gerade jener Kreise, die die Vorkämpfer der Emanzipation gewesen sind, zumeist dem Judentum verloren sind, erkennen mit Entsetzen die immer mehr zunehmende Verwüstung unseres jüdischen Lebens durch den Zwang der modernen Erwerbsverhältnisse, die Zersetzung des jüdischen Selbstgefühls durch das Assimilantentum, die Verheerungen, die Taufe und Mischehe in unseren Reihen anrichten. So haben wir uns auf uns selber besinnen gelernt und setzen der verheerenden Flut den einzig wirksamen Damm zur Abwehr entgegen: den grossen Gedanken des jüdischen Volkstums. Wir sind uns dabei keiner Untreue gegen Vaterland oder Menschheit bewusst. Wir wissen, was wir dem Deutschtum schuldig sind, und wollen unsere Pflichten gegen das teure Vaterland jederzeit mit Gut und Blut treu erfüllen. Aber auch gegen den Menschheitsgedanken sündigen wir nicht: der Menschheit dient man am besten, indem man seinem eigenen Volke dient, und wer ihr ein Volk erhalten hilft, das ibf geistiges Leben so zu bereichern befähigt ist wie das jüdische, der leistet ihr einen wahrhaften und unendlich grossen Dienst. So ist unsere Idee weder ein Abfall von Humanität noch bedeutet sie eine Abweichung von der Grundrichtung unserer Geschichte; sie reiht sich einfach den nationalen Bewegungen der Gegenwart ein einerseits, und ist andererseits für uns zugleich eu»e Fortsetzung unserer Jahrtausende alten und ein notwendiges Ergebnis unserer jüngsten Geschichte. In einer besonderen Form vertritt nun unseren nationalen Gedankenkreis der Turnverein Bar Kochba. Er kämpft zunächst gegen eine grosse Gefahr, die unserem Volke aus seiner geschichtlichen Lage in den letzten 18 J*0** hunderten erwachsen ist: gegen die Gefahr der Verkümmerung de« jüdischen Volkskörpers. Wir alle wissen es, wie die Loslösung von unserem nationalem Boden und die dadurch wie durch andere