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Jüdische Turnzeitung · 1906-10-01 · 10 (10.1906) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
7 (1906)
Issue
10 (10.1906)
Date
1906-10-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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180 No. 10 Feuilleton. Über den Wellen.*) Nacht vorbei. Das ruhelos hastige, dumpf eintönige Stossen und Stampfen der Maschine wird von einem frischeren, helleren Plätschern und Aufsprühen der Bugwellen übertönt, die wie weisse Hunde, die sich festgebissen haben, das Schiff verfolgend, unablässig kläffend an seinen Flanken emporspringen. Die funkelnde Silberfarbe auf der einen Seite, die der Vollmond die ganze strahlende Julinacht hindurch auf die Wellen gegossen hatte, und das unsäglich weiche tiefdunkle Blau im Schatten der Schiffsplanken auf der anderen, sind nun verschwunden. Ein gleichmässiges bleifarbenes Weiss breitet sich ringsum, und weit weit hinten, am Ende des schnurgeraden, an der Oberfläche sich kräuselnden, Kielwasserschweifes wächst wie ein goldener Tellerrand, immer höher und voller, die Sonne auf; von violett bis purpurn und orangefarben immer heller und heller eine Brücke von sich bis zum Hinterdeck legend. Nun hebt sich der feine weissliche Schleier ringsum, und klar und fest, wie von einem Riesenzirkel mathematisch haarscharf gezogen, spannt von Ost zu Ost sich der Horizont. Die Schwalben, die nachtsüber unter den Böden der Bettungsboote auf den Schiffstauen hockend geschlafen, schiessen wieder zischend an der Flaggenstange vorbei und den ganzen Riesenleib entlang, tauchen blitzschnell kopfüber hinab und springen wieder hinauf mit gesteiftem Körperchen und starr ausgebreiteten spitzen Flügeln. Plötzlich, von irgend woher, sind wieder die Möwen da und schreien wieder, man weiss nicht, lachend oder klagend, auf Deck hinauf. Im Zwischendeck des „Smolensk" rührt sich's. Da reckt sich's und beginnt zu wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Im Zwischendeck, da war die Nacht, die himmlische Seenacht, nicht labend, da drang ihre frische Kühle nicht ein. Im Zwischendeck, im Auswandererdeck, da lagert's, kauert, hockt, krümmt es sich zu Hunderten zwischen- und übereinander, kein Hauch von oben, kein salziges Windchen, das die Wellen hinunterschickten, nimmt den dumpfen, übelriechenden, stickigen Atem weg, der wie eine luftdichte Decke Uber diesem Elend lastet. Im Auswandererdeck ist der Morgen Befreiung. Man erhebt sich, langsam, schleppend, wie zerschlagen; aber die Schiffsleute, die mit Wasser und Schrubber das grosse Morgenscheuern beginnen, jagen alles auf; abgehärmte alte Judenweibergesichter, bleiche, kirschrote, apfelrunde oder vom Elend langgezogene Kinderbäckchen, Mädchen, die ihre vollen Brüste unter schmutzigen Tuchfelzen verbergen und mit melancholischen Augen vor sich blickend, die Haare zu strähnen beginnen, junge Burschen, die sich eifrig im Gebete schütteln, und langspitzbärtige Judengreise, die bedächtig mit Heiligenmienen um den entblössten welken, mit grauen Härchen besetzten Arm die Tefillim wickeln. *) Wir bringen dieses interessante Kapitel ans dem Reisetagebuche unseres Turnbruders Wolff, der bekanntlich das erste Auswandererschiff der russischen Freiwilligen - Flotte von Linau nach New-York im Interesse der Emigr«»* begleitete.

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