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Jüdische Turnzeitung · 1906-10-01 · 10 (10.1906) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
7 (1906)
Issue
10 (10.1906)
Date
1906-10-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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No. 10 181 Zwei Stunden spater-- Was dröhnt da für ein scharfer Ruf über Deck? Was rennt alles durcheinander? Was sammelt sich dort in geschlossener Rotte? Drängt sich ringsumher, wie im Amphitheater, einer das Kinn Uber die Schulter des andern hebend? Wieviel blitzende Augen! Wieviel gerötete, erregte, verwunderte, lächelnde Cesichter! Turnerei über den Wellen. Das ist meine Juden-Kompagnie, das sind meine jungen zwanzig, die da stramm auf mein Kommando die Glieder regen. Das ist die eine meiner vier Turnergruppen, die ich aus dem Auswandererdeck hervorgezaubert habe. Erst hatten sie erstaunt mir zugesehen, wie ich meine Armschwenkungen, meine Kniebeugen, meine Klimmzüge an den eisernen Stangen und Balken auf Deck still für mich übte. Dann war bei dem einen und andern der Nachahmungsteufel erwacht, dann spürten sie den Segen davon im Appetit, schliesslich hatten sie sich scharenweis zu mir gedrängt. Jetzt geht eine Art fiebernder Ungeduld jeder Übungsstunde voraus; wie zum Feste geht es zum Turnen. Ich darf mir nicht einmal seekrank zu werden mehr erlauben; bald Uberfällt mich eine Deputation in der Kajüte, wo ich still verborgen die revolutionären Aufstände meines Magens zu bewältigen gedachte, und nichts kann mir helfen, ich muss hinaus, um mit schlotternden Knieen und hohlen Wangen zu kommandieren. In Schiffsmitten, der einzigen Stelle des hölzernen Riesenleibes, an der das Schaukeln, das langsame Heben und zwerchfellaufrührende Sinken der Schiffsplanken nicht fühlbar ist, wenn die Wellen nicht gar zu stürmisch kollern, da ist ein prächtiger Turnboden für uns. Unser Schiff gibt ja den sonst eingepferchten Emigranten tagsüber Verdeck der ersten Kajüte; da hat's Breite und Länge, Licht und Luft für uns übergenug. Die Turngeräte schafft uns die Phantasie aus den mannigfaltigen Stangen, Tauen und Barrieren, die jedes Schiffsdeck in Überfülle bietet. Und wenn einmal einer vom Wellenschaukeln bei einer Kniebeuge strauchelt, so vermehrt das nur die frisch-fröhliche Stimmung. Das sind meine wackeren achtzig Mann. Meine Jüdische Turnerschaft auf See. Unser Schiffsoffizier hat sich oft kopfschüttelnd diese veränderten Jewrei'*) angesehen. Wie sie sich mühen, sich freuen, sich disziplinieren! Kommandos; sich reckende, beugende, dröhnend maschierende. Junge Leiber; Sprünge, Aufzüge, Wellen — — unter Rahen und Masten, unter dem strahlenden unendlichen Himmel, hoch Uber den blankspiegelnden Meereswellen. Spürt noch einer meiner Zwanzig die Jammerfahrt? Denkt noch einer von ihnen der schmachvollen Flucht aus der mörderischen Heimat übers furchtbare Wasser? Wo sind die gramversleinten Linien im Cesicht, d'e geduckten Rücken, auf denen die Nagaiken tanzten? Hier sind nur noch Wsche, verzauberte Menschen, in nie erlebter innerer Fröhlichkeit aus dem Gefühl eines ungeahnten, unsäglich wohltuenden Körperlebens. Sie empfinden und begreifen alles. Kein psycho-physiologischer Vortrag Uber den Wert ihres Turnens ist nötig. Wer die Glieder geschmeidig, leicht, frei *) Hebräer.

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