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Jüdische Turnzeitung · 1906-10-01 · 10 (10.1906) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
7 (1906)
Issue
10 (10.1906)
Date
1906-10-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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No. 10 179 Bücherschau. Max Jungmann. Dornen. (Verlag von Leonhard Simion Nfl., Berlin.) Die Jungmann'schen Dornen sind das bekannte Golusenblem nicht mehr, oder doch nicht mehr das lediglich. Die Dornenkrone und das Dorngestrüpp, die Kopf und Fuss des wandernden Juden mit Blut berieselten, die Symbole des Leidens, das seine in sich verschüchterte Seele zerfleischte, sind in dieses Dichters Hand zu einem kräftigen Rutenbündel geworden, das nunmehr die Haut all der grossen und kleinen Widersacher unseres Volkstumes gehörig stäupt. Wieder ein Merkmal der erwachenden jüdischen Seele zur Aktivität, dessen wir uns herzlich zu freuen haben. Kein Krümmen und kein Wimmern mehr, sondern ein mannhaftes Widerschlagen. Noch niemand von uns hat die erbärmliche Heuchelei der sogenannten christlichen Kulturwelt so hergenommen, so überlegen auf ihre plumpe Gewalt heruntergelacht, mit Streichen so freien und stolzen Zornes die Rückständigkeit ihrer Brutalität gegeisselt. Noch niemand aber auch mit so stachlichter Faust all das Kleine, Armselige, Winzig-Erbärmliche in unserer eigenen Mitte, das sich dem Wiederaufrichten unseres Volkes entgegenstellt, angepackt wie Jungmann. Und hier sehen wir den Hauptwert seines Schaffens. Seine Satire ist kulturfördernd im höchsten Sinne, ein Erziehungsfaktor in unserer Welt von der Art, wie es der Simplizissimus in der deutschen Welt ist. Wir meinen natürlich nicht, dass er dessen Überfülle und Reichtum besitzt. Jungmanns Dornenlese ist klein, und von diesem Kleinen ist nur wenig von kernhafter Bedeutung. Aber es genügt, uns zu zeigen, was er kann, welcher eminenten Erziehungswirkung er fähig ist, und was er seinem Volke noch geben muss. Die Form vieler seiner Gedichte ist herrlich in ihrer souverainen Leichtigkeit und schaumgeborenen Ursprünglichkeit. Sein Witz ist am schönsten und feinsten - nicht in der Pointe, sondern in der ganzen Schrittart seiner Schöpfungen, in ihren Gelenken, in ihren Details und gedanklichen Ruhepunkten. Wie das kitzelt und prickelt, wenn wir mit seinen Versen wandern; der Schalk mit seinen Dornen und Dörnchen läuft immer stichelnd nebenher, und immer mehr "nd mehr wächst wie ein Gefühl von Brennnesseln die juckende Erwartung auf den letzten Streich, auf die Pointe, die dann doch immer urkräftig überraschend sitzt. Gedichte wie „Sieg", „Graf Mirbach", „Der kluge Hans und Professor Geiger", „Die Religion" tragen, wenn nicht im Inhalt, der meist nur eine Seifenblase des Tages ist, so doch in der Form ein Stück Ewigkeit mit sich. Jungmann hat wohl, wie sein erster und schwächster Kritiker Emil Cohn, geglaubt, dass Humor und Satire nicht genügen, um den Dichter zu machen, und hat lyrisch-elegische Gedichte (ein Stückchen Zlocisti) hinten angehängt. Wo er sein Dornenfüsschen heraussteckt, da geht's. Das übrige «t überflüssig. Der Satiriker mit seinen Hieben stellt ein Stück verletzter weltgerechtlgkelt wieder her. Er Ist damit ein Schöpfer und Stück von Gott. Das mag ihm genügen. J. Auerbach.

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