Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1906-07-01 · 7 (7.1906) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
7 (1906)
Issue
7 (7.1906)
Date
1906-07-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4921092-5965100-5965245--1636-4924486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 7 121 jetzt an allen Ecken und Enden ein Knistern und Knacken, ein Klappern und Schieben an den Geräten vernehmen, und wenn er naher und aufmerksamer lauscht, hören sich die Geräusche wie Laute an, die Laute verbinden sich zu Silben und Worten, und wer Geduld hat zu lauschen, kann da ganz interessante Dinge zu hören kriegen. Heute geht es besonders laut zu; es ist nämlich in dieser Woche ein neues Pferd angekommen und heute soll es in den Geröteverband der jüdischen Turnvereine aufgenommen werden, falls es dessen für würdig befunden wird. Zu diesem Zwecke soll es zunächst seine Ansichten über das Wesen der jüdischen Turnvereine klarlegen und jedem einzelnen Rede und Antwort stehen. Jedes wollte nun zuerst seine Ansicht vernehmen, bis endlich das „Hohe Reck" Silentium gebot, und vor allem den Vater »Schwebebaum" und Mutter „Leiter" ersuchte, ihre vorlauten Töchter, die .■Kletterstangen" doch zur Ruhe zu gemahnen. Diese armen, die trotz der eifrigsten Bemühungen ihrer Eltern, sei es wegen ihrer secessionistischen Schlankheit, sei es wegen ihrer Grösse, noch immer nicht unter die Haube gebracht werden konnten, waren nämlich über den Neuangekommenen hergefallen, und jede suchte ihm Ratschläge zu erteilen und ihn so für sich zu gewinnen. Mutter „Leiters" Zureden fruchtet nichts; sie hat nur noch Gewalt über ihre jüngsten Sprossen. Vater „Schwebebaum" hat nie viel Autorität besessen; er wird nur von allen getreten. Der Machtspruch des •.Hohen Reck" aber, der wirkte. Und nachdem jetzt die Kinder, „die Hanteln und Keulen", in ihren Betten eingeschlafen waren, wurde dem Neuangekommenen das Wort erteilt. Dieser hub also an: „Geehrte Versammlung! Um Euch nicht länger über meine Herkunft im Unklaren zu lassen, will ich Euch zunächst'gestehen, dass ich nicht so jung bin, wie ich aussehe (hierbei streifte ein ironischer Seitenblick die Jungfern „Kletterstangen"), sondern dass ich schon einmal gedient habe und zwar im „Deutschen Turnverein" (allgemeines Erstaunen); dieser musste aber infolge der um sich greifenden jüdischnationalen Bewegung seinen Betrieb reduzieren, und Ich kam hierher. Nun muss ich schon gestehen; schöner haben's die dort drüben, aber dass Ich "lieh trotz der kurzen Zeit, die ich hier verweile, hier wohler fühle, das möchte ich beeiden. Im ersten Moment, als Ich die Adresse meines Bestimmungsortes vernahm, war Ich, der ich doch in diesen Vorurteilen älter geworden bin, so zerknirscht und unglücklich, dass der Zeugwart, als er prüfend die Hand auf mich legte, ob meiner Weichheit etwas bedenklich «He Achseln zuckte; aber zufolge meiner Widerstandskraft und Elastizität ßrholte Ich mich sogleich und meine Aufnahme war beschlossen. Auch a|s ich diese Halle betrat, war ich nicht erbauter. Aber heute, nachdem ich die Turner und Turnerinnen hier gesehen, ihre Reden gehört und mit denen der „Deutschen" im Stillen verglichen, bin ich doch ganz anderer Meinung. Hier geben sich die Leute als das, was sie sind, als reine und unverfälschte Juden." „Ohoruft jetzt der „Bock" dazwischen, „ich weiss nicht, ob jeder i erer Tt""ner sehr erbaut sein wird, wenn er das zu hören bekommt. Sich a s Jude geben, wird gewöhnlich als Beleidigung angesehen, indem man damit le spezifisch jüdischen Unarten meint, von < „mauscheln", „handeln" usw.'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.