Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 12 (12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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226 No. 12 denn, sich der Umgebung anzupassen, und eine ewige innere Zerrissenheit und Unausgeglichenheit ist die Folge. So ging es vielen der besten Juden, die ihr eigenes Volkstum aufgaben und sich von einem anderen aufnehmen lassen wollten. Mitunter tritt uns die Frage entgegen: „Wie wollt Ihr die Existenzberechtigung der jüdischen Nation begründen?" Als ob eine Nation ihr Recht zu existieren erst begründen müsste! Wir brauchen aber die Frage nicht zu scheuen. Wer so frägt, ist im Grunde ein richtiger Jude. Die Frage nach unserm Zweck in der Geschichte ist uralt und ebenso die Anwort: „Ich will dich zu einem grossen Volke machen, und will dich segnen, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde". Ja, wir leben der frohen Überzeugung, dass das Judenvolk zu den Nationen gehört, die heute noch ihren eigenen Kulturwert und darum eine Bedeutung für die Menschheit haben; deswegen brennt in uns umsomehr das Gefühl der Pflicht, mitzuarbeiten an seiner Erhaltung und Erhöhung. Wir sehen, dass es wegen seines Elends in Gefahr ist, das Bewusstsein seines Eigenwertes und das Gefühl seiner Existenzberechtigung zu verlieren, und dass es des Zusammenschlusses in allen erreichbaren Formen bedarf, um diese Gefahr zu überwinden. Denn das beste Mittel zur Stärkung des nationalen Gefühls ist das Zusammentreffen in nationalen Zirkeln. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass es gerade Turnvereine sein müssen, in denen nationale Juden sich zusammenfinden. Man kann aber eine grössere Zahl von Menschen nicht mit dem abstrakten Ziel der Pflege des Nationalismus sammeln, da das Nationale nicht selber ein einzelner konkreter Ausschnitt des Lebens, sondern eine bestimmte Gestaltung aller seiner Kundgebungen ist. Daher muss das Nationalgefühl in Zweckvereinen gepflegt werden. Wir haben das Turnen als den Gegenstand gewählt, der der Zweck unserer nationalen Vereine ist. Wir sind dabei nicht nur von der Erfahrung ausgegangen, dass der Zulauf zu einer Statte körperlicher Übung heutzutage gross ist, und dass die Turnvereine im vergangenen Jahrhundert bei vielen Völkern Ausgangspunkte nationaler Erweckung gewesen sind, sondern wir haben gleichzeitig vor allem bedacht, dass unser Volk einer körperlichen Regeneration bedarf. Diese gerade in der jüdischen Turnzeitung oft betonte Wahrheit soll hier nicht noch einmal des näheren erörtert werden. Wir wissen zwar, dass wir mit einigen Tausend Männern und Frauen, die sich in unsern Vereinen