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Jüdische Turnzeitung · 1905-12-01 · 12 (12.1905) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
6 (1905)
Issue
12 (12.1905)
Date
1905-12-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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No. 12 225 sondern vor allem der Urboden, aus dem sie die Kräfte zur vollen Entfaltung und zur Ausgestaltung der Eigenart ihrer Persönlichkeit ziehen müssen. Das, was Seele und Geist der vergangenen Geschlechter einer bestimmten Nation geschaffen, ist der Grund auf dem sich in immer neuen Formen und Entwicklungen das Fühlen und Denken ihrer Enkel fest und geschlossen aufbaut. Kein Mensch ist Mensch schlechthin; dieser Begriff ist eine blosse Abstraktion, von der nie und nirgends in der Welt ein wirkliches Exemplar vorhanden gewesen ist. Ein so liberaler Mann wie Mommsen sagt einmal: „Eine Menschlichkeit an sich gibt es nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als in einer gegebenen Volkseigentümlichkeit, in einem bestimmten Kulturzug stehen" (Römische Geschichte V, S. 468). Unsere westeuropäisch-amerikanische Kultur, die wir als die höchste zu betrachten gewohnt sind, umfasst nun in der Tat weite Gebiete des Lebens, welche bei allen Völkern, die an ihr teilhaben, gleichmassig gestaltet sind. Das hat aber nicht hindern können, dass gerade in unserer Zeit, in der der aufs Höchste erleichterte und gestiegene Verkehr die Völker wie nie zuvor miteinander in Berührung bringt, das Bewusstsein ihrer Differenziertheit und die Überzeugung von der Notwendigkeit und der Pflicht, ihre Eigenart zu erhalten, in ihnen zu einer lebendigen Macht geworden ist. Wir meinen heute, dass der Fortschritt der Gesamtkultur der Menschheit sich aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Begabungen der Völker entwickelt, dass jedes Volk, das seine Eigentümlichkeit aufs beste herausarbeitet, damit auch der Gesamtheit dient, mehr als wenn eins im andern aufzugehen sich bemühte. Denn wir sind überzeugt, dass die feinsten Blüten der Kultur aus einem kräftigen und eigenartigen nationalen Geistesleben erspriessen. Daraus folgt, das jeder Einzelne an der Erhaltung und Entwicklung des nationalen Körpers, dem er entstammt, und von dem er ein unzertrennlicher Teil ist, mitzuwirken hat. Jeder Einzelne zieht daraus auch selbst den höchsten Gewinn, denn im Kreise derer, die mit ihm eines Blutes sind, kann sich seine eigene Persönlichkeit am besten ausleben. Hier findet er für alle Töne seines Wesens die Resonnanz, die sie immer stärker erklingen lässt. Wer dagegen im fremden Kreise steht, muss sein Eigenstes und Tiefstes, dessen ungehemmte Entwicklung das höchste Glück ist, zurückdämmen, weil er keinen Widerhall findet, sondern nur Missklänge erzeugt, wenn er es zur Geltung bringen will. Da versucht er es

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