Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 9 (9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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No. 9 171 Prinzip mehr, um die in der Theorie negierten Gegensätze innerhalb des Liberalismus zu verdecken. — Und die Juden? In der Masse betonten die um so lauter die Unverwüstlichkeit des liberalen Prinzips und verdoppelten ihre Kräfte im Kampf um den jüdischen Leutnant. Aber über die wenigen anderen kam das grosse Leid. Sie schreckte nicht die Drohung des hohen und niederen Pöbels, sondern der Bruch in ihrem Herzen. Sie hatten sich selber verloren. Da reckte sich wohl in dem und jenem die alte Kraft, und Hess wagte den Sprung von Marx zum Thorner Rabbi Kalischer. Während jedoch gerade von den Besten viele verbluteten und die »Glaubensgenossen" sich mit dem Narkotikon der Humanität betäubten, rang sich in dem jungen Geschlechte aus der Empfindung des Stolzes heraus langsam die neue Erkenntnis durch, die inzwischen lrn finsteren Osten bereits Gestalt und Gesicht angenommen hatte. Aber noch fehlte das Leben. So kamen die neunziger Jahre heran. Herzl hatte die Schale durchbrochen; Pandekten und Glossen lagen im Winkel, und der junge Dichter erholte sich in Spanien von den kurzen Mühen des Amts. — Dem Ringen der jüdischen Volksseele stand er fern. Nur dem Gesetze seines Inneren gehorchend ging er seine eigene Bahn. — Auf Spanien folgte Paris; aber auf das Palais Bourbon der Judenstaat. Was löst nun das Rätsel? Noch schweigen seine Aufzeichnungen und seine Briefe. Vielleicht hat er sich selber belauscht, vielleicht können wir ihnen den Nachhall der tiefen Wandlung abgewinnen. Heute kennen w*r sie noch nicht; aber das ist gewiss: auch damit, dass er in sich den Juden entdeckte, gehorchte er dem Gesetze seines Inneren. Das wurzeltiefe Ringen seiner Persönlichkeit hatte ihn auf den Grund seines Herzens geführt. In ihm selbst liegt die in ihrer Psychologischen Abwandlung noch dunkle Lösung des Rätsels. Können wir noch fragen, was mitbestimmend auf ihn einwirkte, was im Einzelfall den verschlungenen Windungen seines Denkens ^e Richtung gab? Ganz gewiss alles, was nur dafür in betracht kommen konnte: das Elend der Masse und die Not des Einzelnen, die Würdelosigkeit einer abgewehrten Assimilation und die Kraft des neuen Gedankens, aber nichts so sehr, wie die ringende Not seines eigenen Herzens. — Wir wissenes, wie Luther ward. Ihm waren WyclifFe vorausgegangen und Huss, die deutschen Mystiker Und die Humanisten, aber er bekennt es selbst, dass, obwohl er Hussens Schriften schon früher gelesen hatte, er doch erst lange,