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Jüdische Turnzeitung · 1905-09-01 · 9 (9.1905) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
6 (1905)
Issue
9 (9.1905)
Date
1905-09-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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170 No. 9 Seinezauber, den es ausatmet, in unlösbaren Bann. In diesem Palais Bourbon ist die Politik ganz Nebensache: nur die Menschen gelten. Wie vom Zufall bestimmt lässt der Dichter im Einzelnen eine einzige Seite erklingen, lauter oder leiser, aber immer rasch verklingend, um doch in der flüchtigen Scene das Individuum zu zeigen, und im Individuum den Typus, des Charakters, des Volks. Wie aus dem Momente geboren tritt die Anschauung hervor — die er grübelnd vertieft. Die scharfgezeichneten Linien beginnen dann leise zu vibrieren, Schatten ziehen über das harte Schwarz- Weiss, als stiegen aus der Tiefe der Erkenntnis die Zweifel und sprächen: „es kann auch anders sein." Zu erkennen, aber die Erkenntnis zu mildern mit dem Zweifel und neue Möglichkeiten mit ihm zu eröffnen — das ist die Art. Und das blieb seine Art. Er hat die leise umdämmerte au coin du feu-Stimmung in seinen wunderfeinen Naturschilderungen, in welchen auf Feld und Flur, voran dem Elfenchor, die Elegie oft vom Hymnus zum Tanz geführt zu werden scheint, noch unendlich verfeinert und vertieft, in dem Masse, wie er selber reiferund tiefer wurde; aber bezeichnender für den ganzen Mann in einer bestimmten Epoche seines Schaffens ist nichts als das Palais BSrbon, das Buch, dessen Titel von Politik, und dessen Inhalt von Menschen spricht.—Messen wir es am späteren Herzl. Das Palais Bourbon war im Jahre i8°5 erschienen. Ein Jahr später erschien der Judenstaat. Im wildesten Wirbel des staatlichen Lebens interessieren ihn nur die Menschen; und doch lebt in ihm die harte Kraft des Handelns und der Genius schöpferischer Politik. Was löst das Rätsel? Suchen wir es aus dem . historischen Moment heraus zu erfassen. — Als Herzl geboren wurde, lagen für die deutschen und österreichischen Juden die Ghettomauern zwei Menschenalter zurück- Die Wahlverwandtschaft zwischen deutschen Juden und Deutschen erschien als gegebene Tatsache, niemandem wohl mehr, als dem werdenden Dichter, für dessen Träume der Wiesengrund des deutschen Märchens die wahre Heimat war. Gerade als Herzl in das Alter trat, in welchem im Jüngling die politischen Impulse erwachen, begannen religiöse, nationale und wirtschaftliche Motive ihre spitzen Stachel in diese Entwickelung zu treiben und die Vorherrschaft des liberalen Prinzips als des Entwicklungsprinzips schlechthin zu beseitigen. Die Folgen traten mit überraschender Schärfe in die Erscheinung. Bald genügte nicht einmal das alte

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