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Jüdische Turnzeitung · 1905-05-01 · 5/6 (5.1905) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
6 (1905)
Issue
5/6 (5.1905)
Date
1905-05-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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No 5/6 Charakter. Unserem Körper geben wir die Muskeln, unserer Seele aber geben wir wieder Inhalt, den Inhalt, der für sie geschaffen ist. Unsere Füße erhalten wieder einen Standpunkt, breit und fest, damit wir darauf stehen können und über die Kluft hinweg den anderen die Hand reichen können. Diesesmal aber kommen wir nicht leer. Wir bringen einen Rasseninhalt, einen Kulturinhalt mit. Ihr müßt ihn nicht nehmen, wir stehen auch ohne dies, wählt euch, was ihr für gut findet und gebt uns, was wir für uns für gut finden. Niemand wird sagen können, das sei staatsfeindlich. In der öffentlichen Versammlung, die der Jüdische Turn-Verein zu Köln zur Besprechung der Angriffe gegen die Turnerschaft einberufen hatte, derselben Versammlung, über die nachher die Kölnische Zeitung mit einer Zeile und mit dem Wort „Beschimpfungen" quittierte, sprach der Redakteur der Kölnischen Zeitung, Dr. Brunhuber, in der Diskussion. Er verbreitete sich über den Begriff Staat und betonte, daß der moderne Staat sich lediglich auf geschichtlichen Ereignissen aufbaue, daß er mit Rasse, Nation usw. nichts zu tun habe. Wenn wir nun auch in dieser Definition die Berücksichtigung der nationalen Momente vermissen, die eben die Geschichte gemacht haben, so nehmen wir sie doch, als für die Gegenwart zutreffend, an. Und des weiteren erklären wir uns, wieder unter dem Vorbehalt, daß die vorhandenen nationalen Momente nicht einfach wegdisputiert werden können, mit der Behauptung desselben Redners einverstanden, daß der Staat keine nationalen Aufgaben zu verfolgen habe, daß er lediglich das Wohl des Staatsganzen ohne jede Rücksicht auf Gefühle, Verwandtschaften usw. zu betreiben habe. Daraus aber, daß der Staat nicht national ist, folgt noch lange nicht, daß er antinational ist. Wir wiederholen: die nationalen Momente lassen sich nicht wegdisputieren, sie sind da, sind im Staat da, sind mächtig heute und mächtiger als jemals. Es kann nur aus seiner Beschützerrolle folgen, daß der Staat die Aufgabe hat, darauf zu achten, daß die in seinem Grenzen vorhandenen nationalen Kräfte sich nach Möglichkeit ausüben können, unter gegenseitiger Achtung und Schonung und im Rahmen des Staatswohles. Das aber wird weder durch die Existenz noch durch die Betonung der Nationalität verletzt; das Staatswohl kommt nur bei direkten Angriffen auf den Staat, wenn es sich z. B. um die beabsichtigte Lostrennung von Gebietsteilen handelt, in Geyahr. Darum verlangt auch kein Staatsgesetz, daß die Staatsbürger lrgendwie national dächten, und die deutsche Verfassung verlangt von den deutschen Staatsbürgern durchaus nicht die Betätigung einer deutschen Nationalität, logischerweise, da die Verfassung nicht deutschnational ist und die Bürger die deutsche Nationalität z. T. nicht haben. Staat kann sehr wohl bestehen, wenn sich die in ihm vereinigten nationalen Kräfte nebeneinander ausleben, er hat Gewinn von der Mannigfaltigkeit, erst der erzwungene Mischmasch bringt ihm Schaden. Und wir berufen uns für diese unsere Ansicht auf niemand jüngeres als unseren Kaiser, der in seiner Posener Rede ausdrückten erklärte: „Das Königreich Preußen setzt sich aus vielen Stäm-

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