Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 4 (4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4921092-5965098-5965223--1267-4924132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 4 59 Im allgemeinen kann man aber das alte Sprichwort: „Ende gut, alles gut" hier beim Turnen der Frauenabteilungen gelten lassen. Während dieser letzten Vorführung machten sich die Männerabteilungen in nicht gerade turnerischer Weise bemerkbar, wie sie denn überhaupt dadurch störend wirkten, daß sie während der Vorführung der anderen Abteilungen im Wege standen und sich im Saale drängten. Ein Turner muß unbedingt auf Disziplin halten, auch wenn er nicht direkt unter Kommando steht. Der Aufmarsch war gut und gewährte ein frisches turnerisches Bild, wie überhaupt der erste Teil des Turnens der Männerabteilungen bedeutend besser als der zweite, das Geräteturnen und die Musterriege ausfiel. Die Freiübungen boten in ihrer Zusammenstellung nichts neues und waren außerdem in sich nicht einheitlich. Die Ausführung 'besonders der zusammengesetzten Freiübungen hätte teilweise besser sein können. — Nach ihnen nahm Turngenosse prakt. Arzt Auerbach das Wort zu einer kurzen Ansprache, in der er besonders auf den im Turnverein erstrebten Zusammenschluß der Mitglieder zum wirklichen Bruderbund hinwies. — Der jetzt folgende Teil des Turnens enttäuschte. Als ob auf einmal ein ganz anderer Geist sich geltend machen wollte, so mutete gleich der Anmarsch zur Qeräteaufstellung, der in größter Unruhe erfolgte, an. Das Kommando: „Zum Gerät um!" wurde gegeben, als die Riegen noch im Anmarsch begriffen waren. Das Geräteturnen war nicht befriedigend. Herrschte bei der Lehrlingsabteilung während des Geräteturnens Ordnung in den einzelnen Riegen, so war hier Unordnung. Bemerkte man dort, daß die Uebungen sich zu einer bestimmten Schwierigkeitsstufe in den einzelnen Riegen und im allgemeinen entwickelte, so war hier fast alles gleich, und in der Anlage unbestimmt. Bei den Lehrlingen konnte man eine gut vorbereitete Barrennnd Reckriege sehen; das sah man hier zwar nicht, aber dafür turnte auch die erste Riege an dem wirkungsvollen und sensationellen Gerät, dem dreifachen Bock. Was sollte damit gezeigt werden? — Hätte nicht z. B. eine gut durchdachte Pferdriege (Seitensprünge) nicht erstens einen größeren Wert für die turnerische Weiterentwicklung gehabt und zweitens dem kundigen Zuschauer gezeigt, daß wir wirklich turnerisch zu arbeiten verstehen? Es ergab sich mir folgender Eindruck: Aufmarsch und Freiübungen wurden durch den »Drill" zu guter Ausführung gebracht. Bei dem Gerätturnen aber, das eine eingehende Einzelarbeit, eine geordnete Schule erfordert, konnte nicht der gewünschte Erfolg zustande kommen. Mit Gewalt wollte man dem Zuschauer den Eindruck entreißen, daß Mängel der Ausbildung vorhanden sind, und so setzte man auf das Programm obengenanntes Paradegerät und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, zum Schluß die Musterriege. — Musterriege, ein stolzes Wort! Ein Muster in der Haltung der Riege und des Führers während ihres Turnens, in der Zusammensetzung der Uebungen und ein Muster in ihrer Ausführung.