Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 2/3 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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34 No. 2/8 in. Alle Nachahmung ist unschöpferisch, meist auch unproduktiv und rührt nicht an die Säulen des Seienden. Nur der Dichter ist auch ein guter Meister, der durch sein Schaffen seine Jünger auffordert, ihm nicht zu folgen, ja mitunter durch ihre eigenen Wege die seinigen zu durchkreuzen. So wirkte Schiller nicht. Zwanzig Jahre nach seinem Tode urteilt Goethe folgendermaßen über seinen großen Freund: „Schiller, der wahrhaft poetisches Naturell hatte, dessen Geist sich aber zur Reflexion hinneigte, und manches, was beim Dichter unbewußt und freiwillig entspringen soll, durch die Gewalt des Nachdenkens zwang, zog viele junge Leute auf seinem Wege fort, die aber eigentlich nur seine Sprache ihm ablernen konnten. Darum ist es dem armen Körner so übel ergangen, dessen Dichtungen ein schwacher Nachhall Schillerischen Trompetenblasens sind. Es fehlte Körner und den anderen „jungen Leuten" vornehmlich Schillers großes Geheimnis, einfache Worte mit einem ungeheuren Echo zu umgeben, als ob unzählige Stimmen sie von allen Seiten her wiederholten." Nicht weniger ungünstig war die Einwirkung Schillers auf die Entwickelung der neuhebräischen Literatur. Eine Parallele mit dem Einfluß des Aristoteles auf die Philosophie des Mittelalters liegt nahe. Unzweifelhaft bedeutete die Bekanntschaft mit dem großen griechischen Denker zunächst eine unermeßliche Bereicherung und Vertiefung der Gedanken. Als er aber aufhörte, als ein Philosoph unter den Philosophen zu gelten, sondern schlechtweg „der" Philosoph wurde, da mußte das Studium seiner Werke in die Scholastik ausarten. Ebenso erging es der neuhebräischen Literatur. Die Juden der Judengasse, in der es keinen Baum, keinen Garten, keinen hellen Sonnenschein und keinen frischen Luftzug gab, waren nicht wenig über all die Schönheit erstaunt, die sie bei Friedrich Schiller fanden, und beutebeladen kehrten sie in die Judengasse zurück. Da sie aber bei Schiller stehen blieben, und auch in der Folge ihre Streifzüge nicht ausdehnten, mußten sie allmählich innerlich verarmen. Kaum, daß es dem jungen, genialen Lewinsohn gelungen ist, der Harfe Zions eigene unvergängliche Töne zu entlocken! Daß er bei ieinem unbändigen Willen zur Lust und Freude auf der grünenden Erde seinem allzufrühen Tode entgegensehen mußte, ließ ihn weiter blicken, wahrer empfinden, als seine Zeitgenossen. Seine unheilbare Krankheit führte ihn in die Tiefe ewiger Probleme. Die eigenen Erlebnisse der Seele führen in die Geheimnisse des Universums. Einige seiner Gedichte dürfen so einen gewissen Ewigkeitswert beanspruchen, was man den Schöpfungen der anderen nicht nachsagen kann. Gordon wurde erst in seiner zweiten Schaffensperiode bedeutsam, als er der Tändeleien mit anempfundenen Gefühlen entsagte und mit ganzer Hingabe in die Arena der Zeitkämpfe eintrat. Und erst mit Mendele Mocher Sefarim, der ganz ein Eigener ist, bei dem aber nichts mehr von Schiller zu spüren ist, setzt eine im engeren Sinne eigene neuhebräische Literatur ein. Auch Mendele, der sich gelegentlich ein-