Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 2/3 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Xo. 2/3 88 Zeiten ins Hebräische übertragen, wie Schiller. Von Goethe kennt die hebräische Sprache — bezeichnend genug! — fast nur „Faust". Von den Berliner „Measfim", über den Wiener Letteris, den Lemberger Samueli, die Wilnaer Lewinsohns, bis zum Petersburger Gordon, hat sich jeder an Schiller versucht, und alles von ihm gelernt. Und der Schlüssel zu dieser Erscheinung liegt im Wesen von Schillers Poesie, in ihrem intellektuellen Charakter. Es wäre eine lohnende Aufgabe, den psychologischen Nachweis zu führen, wie Schillers Art zu sehen und zu dichten, wie auf der einen Seite sein Ernst, seine Sentimentalität, sein Pathos gegenüber den irdischen Dingen, sein Hoffen und sein Resignieren, auf der anderen Seite das Fehlen eines derben Humors, der Ekel vor aller Frivolität — kurzum das, was man den Schillerschen Idealismus genannt hat, die Betrachtung alles Geschehens unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen, der jüdischen, unter den Schlägen des Golushammers gebildeten Psyche entspricht. Glaubte doch jüngst der Apostel des Untertauchens, uns wegen unseres „Ethos" gründlich blamieren zu können. . . . Und spricht doch auch noch ein Rathenau von der »gemütvollen Frömmigkeit", die die deutschen Juden außerhalb des Ghettos verloren haben sollen. Und dann das Weibliche bei Schiller. Am 27. Juli 1780 schrieb er an die Schwestern von Lengefeld: „Sie wissen, daß der weibliche Charakter zu meiner Glückseligkeit so notwendig ist. Meine schönsten Stunden danke ich doch Ihrem Geschlechte." Aus dem Leben des Dichters hat Julius Burggraf die Wahrheit dieses Wortes nachgewiesen. Und daß die jüdische Charakteranlage ganz bedenklich zum „Weiblichen" neigt, hat ja vor kurzem Weininger naiv ausgeplaudert. Vor ihm hat es in Wien der geniale Jellinek gepredigt, €r rechnete es zu den großen Vorzügen des jüdischen Volkes. . . Freilich entsprechen auch Schillers Mängel dem ghettojüdischen Charakter, sie ihaben auch nicht unbeträchtlich zu seiner Einbürgerung im Ghetto beigetragen. Seine Unfähigkeit, die Natur unmittelbar und ungeschminkt zu genießen, sein verstandesmäßiges Denken in> Dichten, das Mechanische in seiner Kraft, das Hermann Grimm ebenso derb wie anschaulich schildert. „Schiller", schreibt er, Uchte sich seine Stoffe. Dann modellierte er solange daran herum, bis sie ihm bequem lagen. Dann machte er kaltblütig die Disposition. Dann wurde tagewerkweis, wie Maurer einen Palast aufführen, nach bestimmtem Plane, das Werk emporgebracht. Dann der Bau geputzt, ornamentiert und möbliert, und endlich mit einem gewissen Neuigkcitsglanz dem Gebrauch des Publikums anheimgestellt." Das jüdische Gemüt ist im Ghetto durch Bedrückung und Pilpul geknebelt worden. Damit es durch den Tau der Poesie seine frühere Frische und Elastizität erlange, bedurfte es anfänglich eines Dichters, der ein ähnliches hartes Schicksal erfahren, und dem zugleich der Gedanke Lebenselement geworden ist. Für diese Aufgabe war Schiller wie geschaffen. Seine intellektuelle Größe ward die Brücke zwischen Ghetto und Poesie.