Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1905-02-01 · 2/3 (2.1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
6 (1905)
Issue
2/3 (2.1905)
Date
1905-02-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4921092-5965098-5965222--1235-4924101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

82 No. 2/3 des Ghettos, wenn Poritzki den Helden seiner Dichtung in sein Tagebuch folgende Zeilen schreiben läßt: „Schon zwei Stunden lese ich im Schiller. Es gefällt mir jetzt keiner so, wie Schiller. Die Braut von Messina liegt vor mir aufgeschlagen, und ich lese ein und dieselbe Stelle schon tausendmal. Sie hat sich eingebrannt in meinem Kopfe. . . ." Merkwürdigerweise hat Letteris — wie ich mich erinnere — noch als Jüngling genau dieselben Stellen übersetzt, die Benjamin Orlowski, der Held der Poritzkischen Novelle, in seinem Tagebuche aufzeichnet. Es wäre irrig, sich vorzustellen, daß Schiller auf dem Wege über die Bühne seinen siegreichen Einzug in das Ghetto gehalten hat. Im Gegenteil! Die Darstellung kam dem Dichter nicht zu Hilfe; hier wirkte nur das gedruckte Wort. Aber es wirkte gewaltig. Und wen je sein Lebensweg durchs Ghetto geführt, der weiß, wie sehr Schillers Poesie und Weltanschauung in diesen scheinbar so fremden Boden hineingewachsen, wie sie sich in der Zeiten Folge fast restlos mit der jüdischen Volksseele verwoben haben. Man kann nicht selten in Galizien Jüdinnen sehen, die täglich „Dawnen", und auch täglich ihr Pensum „Thilim sagen". Ueberfromme Leute, aber sie kennen doch den „ganzen Schiller" auswendig. „Ganz Schiller" — das ist eine landläufige Redensart in der Judengasse. Schiller muß man eben ganz kennen! . . . Wie oft kann man Gesprächen dieser Art lauschen: „Weißt, du, Mirjam tut so stolz, weil sie Schiller mitdem Fingera n rüh rt." Das soll heißen, daß die arme Mirjam Schiller nur oberflächlich gelesen, ihn nicht verstanden habe. . Will man im Volke sagen, daß einer ein „Gebildeter" ist, dann sagt man häufig „er liest Schiller", oder „er versteht Schiller". Insbesondere bedienen sich die Schadchanim dieses Ausdruckes, wenn sie einen Trumpf auf die Vortrefflichkeit ihres Angebots ausspielen wollen. — Es entbehrt nicht eines eigenen, etwas heiteren Anreizes, zu verfolgen, wie die Lehrmethode des Talmudstudiums auch beim Lesen der Werke Schillers angewandt wurde. Was wurde da auch nicht alles in den Dichter hineinerklärt und hineingeheimnißt, Gedanken, die Schiller wohl nie in den Sinn gekommen sind! Sein eigenes Denken und Empfinden legte ein jeder unbewußt und unwillkürlich in die Worte dieses Lieblingsdichters hinein. II. Max Nordau erzählt, daß er als zehnjähriger Knabe Schillers „Glocke" in der hebräischen Uebersetzung seines Vaters auswendig gelernt hat. Gewiß, auch die Tatsache verdient Beachtung, welche Fülle von Uebersetzungen Schillers ins Hebräische wir besitzen. Kein einziger europäischer Dichter, Shakespeare nicht ausgenommen, wurde so oft, von den verschiedensten Männern und zu den verschiedensten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.