Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 2/3 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2/3 31 Schiller in der Judengasse. Von J. Radler. In dem bekannten, berühmten und berüchtigten Werke: „Rembrandt als Erzieher"*) lesen wir: „Gegen Christus wie gegen Schiller hegt bezeichnenderweise jeder echte Jude eine angeborene Antipathie; im günstigsten Falle verachtet er sie; im minder günstigen Falle haßt er sie; und beides mit gutem Grunde; denn ihr innerstes Wesen ist dem seinigen entgegengesetzt. Schiller muß also auferstehen!" Die Unwahrheit dieser Behauptungen in bezug auf Christus ist von anderer Seite genügend dargelegt, uns kommt es darauf an, darzutun, wie töricht und unzutreffend der Verfasser das Verhältnis der Juden zu Schiller erfaßt hat. Aber ich will keine Abwehr gegen die Behauptungen eines Ignoranten schreiben. Wenn ich auch zugebe, daß die unmotivierte Auslassung des Rembrandt-Deutschen mir die Anregung zu dieser Skizze gab, so will ich doch hier keine „Rettung" versuchen — ich müßte dann auch behandeln, was das Judentum, speziell die Bibel Schiller gegeben hat, wie sich die jüdischen Schauspieler, z. B. Sonnenthal, zu Schiller verhielten, u. a. m. Statt dessen möchte ich in den folgenden Zeilen erzählen, was ich über Schillers Stellung unter den Juden, die ein gewisses, eigenes Kulturleben haben, weiß, über die Aufnahme, die er — in der Judengasse gefunden, und den Einfluß, den er hier ausgeübt. . Im Gegensatz zu „Rembrandt" stelle ich die Behauptung auf: »Schiller ist auferstanden — in der Judengasse". — I. Karl Emil Franzos war einer der ersten, dem die innige, fast eigenartige Beziehung zwischen den Kindern des Ghetto und der Poesie Friedrich Schillers aufgefallen, und der dieser Erscheinung auch poetischen Ausdruck verliehen hat. In seiner Novelle „Nach dem höheren Gesetz" finden wir folgende reizvolle Stelle: „In Wahrheit aber stand "} seinem (Nathans) Bücherschrank, unter den mächtigen hebräischen Folianten versteckt, noch ein kleines deutsches Büchlein. Am Samstag Nachmittag, wenn er im Festgewande mit den anderen in den gräflichen Park ging, steckte er das Büchlein zu sich, sonderte sich dann ab und las es an einer stillen, heimlichen Stelle, wo sich das Laub um ihn nur leise bewegte. Dabei fühlte er, wie sich auch etwas in ihm leise bewegte, was er sonst an den Wochentagen nie verspürte. Vielleicht war dieses Etwas das Herz. Auf dem Rücken «es kleinen Büchleins stand in Golddruck: „Schillers Gedichte". ~~ Ich erinnere ferner an „Schiller in Barnow". — Gegen Poritzkis „Keinen Kadosch wird man sagen . . .", mag man mit Recht wichtige Bedenken einzuwenden haben; zumal, wenn man sich erinnert, mit welcher Prätension er seine Novelle einleitet. Aber es zeugt doch von einer intimen Kenntnis des kulturellen Lebens *) Auflage 45. S. 351.