Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 2/3 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2/3 27 der Nation, rechtfertigen konnte. Die letzte Erscheinungsform dieses ununterbrochenen Kampfes um unser nationales Selbst ist, von ihren Vorstufer. abgesehen, die Bewegung der letzten 8 Jahre. Die Wertung ihrer Eigenart ist eine verschiedene für den europäischen Westen und für den Osten. Der beherrschende Zug im Leben der Juden des Westens ist der Kampf um die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung. Die Juden des Ostens konnten dagegen in diesen Kampf gar nicht erst eintreten. Das Einleben und Durchsetzen bestehender Prinzipien konnte ihnen darum niemals als natürliche Lösung der Judenfrage erscheinen. Soweit sie fähig waren, sich über die Resignation hinaus zur Hoffnung und über die Hoffnung hinaus zur Tat zu erheben, wies jhr Denken und Handeln vielmehr in die Richtung des nationalen Eigenlebens und der politischen Wiedergeburt. Die Juden der konstitutionell regierten Länder des Westens waren dagegen aus dem Ghetto unmittelbar in den durch die französische Revolution geschaffenen rationalistischen Irrgarten getreten, >n welchem die Macht des historisch Gegebenen überwuchert wurde durch die politische Ideologie. Man konstruierte sich nicht nur die Zukunft, sondern rekonstruierte sich auch die Vergangenheit nach dem Schema der naturgemäßen Entwicklung und des allgemeinen Menschenrechts. Allein daraus, daß diese innerjüdische Assimilationsbewegung nur als eine Abzweigung des allgemeinen Programms auftreten konnte, erklärt sich ihre Stärke und ihr Erfolg; sie wurde zu einer Episode im Kampf des dritten und vierten Standes um sein Recht, 'n dem Konflikt zwischen dem historisch Gegebenen und dem Erstrebten führte die assimilatorische Bewegung aber, soweit sie es überhaupt verstand, Konsequenzen zu ziehen, entweder vom Judentum hinweg oder wurde zur Farce. Daß die Assimilationsbewegung berechtigt ist, soweit sie ein Kampf um Recht und Würde ist, bedarf keiner Worte. Niemals hat aber das Recht und die Würde der Selbst- Entäußerung und Selbstentwürdigung als Kumpan bedurft. Nicht alle tanzten nach dieser Melodie; die es nicht taten, handelten aber "•cht in bewußtem Gegensatz, sondern lebten in ererbter Treue zum Judentum und ererbter Gedankenlosigkeit in den Tag hinein. Gegen diese Strömungen trat die nationale Idee in den Kampf. jahrhundertschläfer erwachten und rieben sich verwundert die Augen. Die einen wollten es nicht glauben, daß die Zeit eine andere geworden, wir anderen jubelten dem neuen Tage zu. In Seschlossener Reihe traten wir auf den Plan: die Alten jung, wir Jungen mit dem Ernst der Alten. Es wurde nicht viel nach dem und jenem gefragt; die nationale Idee galt uns vielmehr so, wie s'e als tiefster Ausdruck unserer Persönlichkeit aus uns sprach, *Js fester Begriff, ohne Fuge und ohne Nuance. Und in dieser Geschlossenheit erkämpfte sie sich im ersten Anlauf die Anerkennung ihres Lebensrechts. Nicht minder stark als nach außen begann es aber bald im •nnern sich zu regen; Die Lebenskraft einer Idee läßt sich nicht nach den Jahren ihres Bestehens, noch nach der Zahl ihrer Anhänger bemessen. Einen gewissen Maßstab gewährt aber, unter der