Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 2/3 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2/8 25 Ethik? Sie wird nach und nach im Kleinen und Kleinsten herangebildet, schließlich aber handeln wir nach „ethischen Prinzipien". Um ein anatomisches Gleichnis zu gebrauchen: Der Erfolg der Uebung steigt von außen nach innen an. Erst hinterläßt sie in den Muskeln frisches Wachstum und Kraft, dann im Rückenmark die leichte Auslösung geordneter Bewegungen, endlich im Gehirn — den Mut. Man wird einwenden: Ist denn das „Mut"? Es fällt ja grade das Wagen weg, je mehr die Sicherheit einzieht! — Und das ist eben das Charakteristische, was uns tausendfältig begegnet: Mut ist eben das Gefühl der Sicherheit. Ein Turner, der am Reck aus dem Handstand abhockt, empfindet bei diesem halsbrecherischen Sprung, der dem Neuling das Blut erstarren macht, gar nichts Besonderes. Empfände er es, so würde er es nicht machen. Es ist eigentümlich mit dem Mute: Erwerben kann man ihn sehr schwer, und hat man ihn, dann — empfindet man 'hn nicht. Daher definiert Spinoza, dieser große Anatom des Geistes, mit wunderbarer Klarheit: „Ich nenne den unerschrocken, der ein Uebel gering schätzt, das ich zu fürchten pflege." (Ethik, Teil III, Lehrsatz 51, Anmerkung). ,Mut ist ein relativer Begriff. Mancher staunt vor meinem Mute, wo ich eine Lappalie zu machen glaube, während ich vor einem dritten Respekt habe, dem es ebenso geht. Es gilt nun noch, sich die Konsequenzen klar zu machen, die aus den hier entwickelten Anschauungen folgen. Die wichtigste ist, daß der Mut in großartigem Umfange der Erziehung und Schulung fähig ist. , Freilich gibt es hier wie überall persönliche Verschiedenheiten. Wie es Menschen gibt, die niemals gute Turner werden können, weil ihr Nervensystem zur Anordnung komplizierter Bewegungen .unfähig ist, so ist es auch hier. Andere wieder steigen überraschend leicht von Stufe zu Stufe •n der Ueberwindung selbstgesetzter Schwierigkeiten. Aber nicht auf die Extreme, sondern auf die Regel kommt es an, und die gestattet eine weitgehende Schulung des Mutes, allerdings durch geduldige Arbeit. Und jetzt ist es auch an der Zeit, hinzuweisen auf die Unterschiede zwischen diesem erzogenen, geschulten Mut und dem angeborenen, der bis zur Tollkühnheit gehen kann. Dieser ist ein unzuverlässiger Geselle, denn er ist mehr ein Defizit an Hemmungen als ein Plus an Entschlußfähigkeit. Zuweilen vollbringt er Glänzendes; trotzdem aber kenne ich tollkühne Turner, die draußen im Leben bei jeder Schwierigkeit eines Unternehmens mutlos zusammenknicken, denn hier ist eben nicht das Oebiet ihres Mutes. ~~ Oer erzogene, geschulte Mut dagegen versagt nicht. Die „psychische Uebung" des raschen und zielbewußten Entschlusses wird zur dauernden Charaktereigenschaft wie logisches Denken und moralische Festigkeit. — Die Tollkühnheit wagt oft zu viel und verliert darum alles. Der erzogene Mut steht unter der dauernden Kontrolle des klaren Bewußtseins. Schritt für Schritt folgt das Be-