Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 2/3 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2/3 21 Mit dieser Erkenntnis aber ist viel gewonnen. Denn jetzt können wir fragen: Wodurch gelingt diese Ueberwindung hemmender Vorstellungen? Wir sind, so sehr gewohnt, den Mut als angeborene Eigenschaft anzusehen, daß wir mit dem Mute eines Menschen wie mit einer feststehenden Größe rechnen. Aber das ist ein Fehler, den wir bei den meisten seelischen Erscheinungen machen: Wir sehen nur das fertige Ergebnis und haben keine Uebersicht über die zahllosen Kräfte, die zu seiner Entstehung und Entwicklung beigetragen haben. Solche Kräfte sind: Erziehung, Umgebung, Gewohnheit, Vorbild, Gelegenheit, Lebensführung, und wie sie alle heißen mögen. Gewiß, es gibt auch angeborenen Mut. Wie es Leichtsinnige gibt, bei denen die moralischen Hemmungen, Leichtgläubige und Unüberlegte, bei denen die kritischen und logischen Hemmungen schwach entwickelt sind, so gibt es Tollkühne, bei denen die hemmenden Vorstellungen gar nicht aufkommen. Dieser Mut ist »eine Tugend, sondern eine zweischneidige Gottesgabe. Aber der Mut kann auch erzogen werden, und diese Erziehungsmöghchkeiten wollen wir näher betrachten. Es ist schon nach den bisherigen Auseinandersetzungen klar, daß der Kampf gegen die störenden Hemmungsvorstellungen dabei eine Hauptrolle spielen wird. Daß diese wirklich das Hindernis sind, dafür läßt sich n°ch mancherlei anführen. Zunächst die bekannten Fälle, in denen sie handgreiflich die Ursache der Mutlosigkeit sind. Ein wackerer Turner vollführt mit Sicherheit und Eleganz die „Luftrolle" am Marren. Eines Tages greift er fehl und stürzt. Von Stund an will es ihm durch Monate nicht gelingen, die Uebung auszuführen, da die drohende Gefahr ihm zu deutlich geworden ist. Hier sind auch Beobachtungen zu nennen, die ich bei gewissenhafter Analyse einer Reihe von eigenen Träumen gemacht habe. Es ist wohl eine der häufigsten Traumvorstellungen, daß man sich im Kampfe mit einem Gegner aufs äußerste behindert und körperlich gehemmt fühlt. In fast allen Fällen ist es mir bei ehrlicher Selbstkritik gelungen zu erkennen, daß es sich um Personen handelt, die mir in irgend einem Punkte das — im Wachen oft nicht einmal eingestandene — Gefühl ihrer Ueberlegenheit einflößten. Mit anderen Worten: Im wachen Zustande würde ich mich vor ihnen 'ürchten, wenn ich nicht durch die Gewohnheit befähigt wäre, geringere Grade dieser Gefühle zu unterdrücken. Die Deutung dieser Erscheinung ist leicht, wenn man sich den Ablauf der normalen Denkvorgänge klar macht. An jede Vorstellung schließt sich eine ganze Reihe anderer an, nach den Gesetzen der Aehnlichkeit, des Gegensatzes, der örtlichen und zeitlichen Verbindung. Unser Bewußtsein aber ist von Kindheit an in steigenoeni Maße darauf eingeübt, aus dieser ganzen Fülle immer nur e'nige „Endvorstellungen" herauszugreifen, die besonders charakterisiert sind und je nachdem als logische, moralische oder zweck-