Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 6 (1905)
- Issue
- 1 (1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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10 No. 1 der übrigen Muskelgruppen, so dass z. B. ein uns bekannter Fechtmeister das Radeln aufgeben musste, weil es ihn steif machte. Von anderen Nachteilen, die das Radeln dem Körper bringen kann, wenn die Maschine oder die Körperhaltung unzweckmässig sind, soll hier nicht gesprochen werden, da wir ja hier nur von den Wirkungen, sei es schädlichen, sei es nützlichen, des normalen, vernunftgemäss betriebenen Sports handeln. Diesen Nachteilen steht als ein ausserordentlich grosser Vorzug vor dem Rudern die fast unbegrenzte Freiheit der Bewegung gegenüber, die das Rad dem tüchtigen Fahrer gewährt. Er ist nicht nur auf die doch verhältnismässig seltenen schiffbaren Gewässer beschränkt, sondern kann seinen Weg überall wählen, wo auch nur eine Strasse durch« Land führt, ja selbst über Felder und durch Wälder, wen» er seiner Maschine Herr ist. Die grosse Geschwindigkeit» mit der dabei die Strecken zurück gelegt werden können} erhöht die Lust des Wanderns noch sehr stark; so dass wir dem Radeln, wenngleich wir seine physiologische Wirksame keit nicht allzu hoch einschätzen können, dennoch wegen seiner psychischen, sorgenbrechenden, lusterweckendea Eigentümlichkeiten einen sehr hohen Rang unter den Körperübüngen einräumen dürfen. Es kommt dazu, dass namentlich für den Grossstädter in der Ebene, dessen Zeit beschränkt ist, und der nicht in aller* nächster Nähe seiner Behausung ein schiffbares Gewässer, zu* Verfügung hat, das Radeln den einzigen, selbst für den sehr wenig Bemittelten, erreichbaren Sport bildet. Und als solcher hat er auch bereits ausserordentlich viel Segen gewirkt, hat Zehntausende, vielleicht Hunderttausende, dem öden Kneipenleben entzogen, der Natur und der Naturfreude zurück gegeben Das Rad hat den Faden, mit dem der Kulturmensch up to date an seinen Wohnsitz gebunden ist, ua> das Dreifache verlängert und ihm so, wie di<> Planimetrie lehrt, nicht weniger als das neunfache Wandergebieti erschlossen. — Es mag an dieser Stelle gestattet sein» darauf hinzuweisen, dass das Fahrrad sich nicht nur Mittel der sozialen Hygiene, sondern auch noch in anderer. Beziehung als Hilfsmittel der Kultur erwiesen hat. Es fübrt den seit der Erbauung der Eisenbahn fast noch mehr al» früher von der Welt und ihrem Wellenschläge abgeschnittenen Dorfschaften des platten Landes allsonntäglich Scharen grossstädtischer Besucher zu, von deren lebhafter Art, von deren andersartiger Auffassung der Dinge in Staat, Kirche und Familie doch immer ein Teilchen In die konservativ stagnierenden Seelen der Landbevölkerung übergeht. War glauben uns keiner Uebertreibung schuldig zu macheu+we«* wir aussprechen, dass das Fahrrad durch seine Vermittlung direkten Berührung zwischen Städtern und Dörflern aien* für den Prozess der sozial-psychologischen Ausgleichung.