Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 12 (12.1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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218 No. 12 als eine bedeutende Steifigkeit und Schmerzhaftigkeit der betreffenden Muskeln höchst störend bemerkbar. Es ist das sogenannte „Turnfieber", dass jeder Turner, Fechter, Bergsteiger, Ruderer etc. nach einer grösseren Pause seiner Uebung kennen gelernt hat. Aber es ist charakteristisch, dass, soweit unsere persönliche Erfahrung reicht, und soweit wir uns bei guten Selbstbeobachtern darüber haben erkundigen können, diese entschieden an sich sehr unangenehme und schmerzhafte „Krankheit" regelmässig mit einem Allgemeingefühl erhöhter Kraft und vermehrter Gesundheit einhergeht, ein deutliches Kennzeichen dafür, dass trotz der augenblicklich bedeutenden Störung eines Organs die Gesamtfunktion in viel grösserer Harmonie abläuft als zuvor. Wenn aber diese erste Reaktion überwunden ist, und das ist in überraschend kurzer Zeit der Fall, meistens schon nach einer einzigen bis nahezu an der Grenze der Leistungsfähigkeit gegangenen Betätigung binnen zwei Tagen, — dann spielt das innere Orchester so rein und vollkommen, dass das arme gehetzte Ich plötzlich seine leibliche Wohnung als ein höchst komfortables Home empfindet und sichs darin bequem macht. Nach unerhörten Reizen besteht gar kein Verlangen mehr. Wir kennen viele leidenschaftliche Raucher und Trinker, denen es im Gebirge durchaus kein Opfer ist, wochenlang Tabak und Alkohol ganz zu entbehren, von den kräftigeren und verderblicheren Reizmitteln garnicht zu reden. Der Appetit nach den Befriedigungsmitteln der mächtigsten menschlichen Bedürfnisse, nach Nahrung, Trank und Geschlechtsgenuss, richtet sich auf Zielpunkte, die dem normalen und gesunden Menschen gewöhnlich sind; und mit der Unfähigkeit, auf zartere „adäquate" Reize zu reagieren, der Impotenz im weitesten Sinne, verschwindet der verzweifelte Drang, eine Reaktion des Körpers durch inadäquate, das heisst gesundheitsschädliche Reize auszulösen. Und weil auf gewöhnliche Reize, wie sie das Leben täglich bietet, jetzt eben die gewöhnliche Lustempfindung als natürliche Reaktion erfolgt, deswegen hört ein solcher Neurastheniker auf, das Leben zu hassen; er verwandelt sich in einen „verruchten Optimisten*, und Arthur Schopenhauer verliert einen seiner Jünger. Die Verstimmung schwindet, das dadurch so häufig zerrüttete Familienleben wird freundlicher; auch hier ergeben sich täglich neue zur Lebensfreudigkeit führende Lustempfindungen, und schliesslich hat der Sport auf der ganzen Linie gesiegt, hat die Heilung durchgesetzt. Leider giebt es eine grosse Anzahl von Fallen, in denen dieser Zauberdoktor Sport seine Wirksamkeit nicht mehr entfalten kann, in denen er zu spät kommt. Wo schwere Organveränderungen bereits vorhanden sind, wo es sich z. B.