Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 12 (12.1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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216 N». 12 Die erste und wichtigste Tatsache ist die, dass sich in dem Augenblick, wo mächtige Muskelgruppen, wie die der Beine und des Rumpfes, in energische Bewegung versetzt werden, die Blutverteilung im Körper durchgreifend ändert. Die zwanzigfache Blutmasse, die diese mächtigen Organgruppen brauchen, müssen irgendwo hergenommen werden; und sie kann nirgendwo hergenommen werden als aus dem überfüllten Blutgefässsystem des Gehirns. Das heisst nichts anderes, als dass der Mühlstrom, der da oben all die tausend Denkmaschinchen rasselnd und dröhnend in Bewegung setzte, plötzlich abgestaut wird, als wäre eine Schütze niedergelassen worden. Und da muss wohl oder übel die Maschinerie ruhen. Das bischen Blut, das nun noch hindurchströmt, wird zum Ueberfluss noch von anderen als den bisher angespannten Gehirnteilen an sich gezogen, den entwicklungsgeschichtlich älteren Zellengruppen, die der Muskelbewegung und ihrer Koordination vorstehen. Und so darf man es ruhig aussprechen: Energische Körperbewegung ist der Schlaf des Gehirns. Was beim ausgesprochenen Neurastheniker der wirkliche Schlaf nicht zuwege bringt, die Eindämmung der Hyperämie, den Stillstand der Funktion, das bringt der Sport zuwege. Nun haben die erschlafften Gefässe Zeit sich zusammenzuziehen, die verengernde Muskulatur der Arterienwandungen wiederherzustellen; nun haben die Gangliengruppen Zeit, ihre überjung zur vollen Tätigkeit rekrutierten ZeÜenelemente zur Keife, zur vollen Kraft zu führen. Das Umgekehrte vollzieht sich unten in der Muskulatur. Hier spült der gewaltige Blutstrom, der mit verzwanzigfachter Masse und Schnelligkeit durch das Gefässsystem wettert, all den Stoffwechsel-Unrat hinaus. Die überreifen ZeÜenelemente gehen bei einer so energischen Beanspruchung schnell zu Grunde, werden ausgeschieden und wandern in den Heizofen, der die ganze Maschinerie betätigt. Das Fett wird ebenfalls verbrannt, die mechanische Hemmung verschwindet, der Muskel wird schlanker und kräftiger und gewinnt bald durch den Zutritt der massenhaft unter dem Wachstumreiz kräftiger Bewegung aufschiessenden junger Zellenelemente die stählerne Kraft, die ihm nottut. Auch das Herz ist ein Muskel, und Muskelarbeit ist Herzarbeit, denn es hat in beschleunigter Schlagfolge die Blutmasse durch viel engere und verzweigtere Wege zu pressen, als bisher, Daran erstarkt es, befreit sich ebenso von seinen Zelleninvaliden und Fettparasiten wie der Muskel selbst und kann nun seine Funktion als Druck- und Saugpumpe in ganz anderer Weise ausüben als zuvor. Rascher kreist der hellrote Saft in den Arterien, mit ganz anderer Energie strömt das dunkelrote Venenblut zum Herzen zurück,