Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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So. 10/11 18» die eine fehlerhafte Körperhaltung, und die übergrosse Nahe stark Wärme ausstrahlender Beleuchtungsapparate erzeugt, in seinem Nervenapparate oder wenigstens in seinen Schleimhäuten geschädigt. — Die Nase setzt sich in dauernden Verteidigungszustand gegen die viel zu staubreiche Zimmerluft; sie bläst ihren Filterapparat, die Schwellkörper an den Nasenmuscheln, auf, um die Staubmassen rechtzeitig abzufangen, ehe sie in die Atemwege gelangen können: diesen Zustand nennen wir einen chronischen Schnupfen, wobei übrigens nicht unbeachtet bleiben darf, dass dieser aktive Zustand der Mobilisation häufig genug zu dauernden passiven Veränderungen der Nasenschleimhaut fuhrt, ganz ähnlich, wie der .bewaffnete Frieden" der Nationen allmählich auch aus einer Verteidigungsmassregel zu einer wahren sozialen Krankheit entartet ist. — Dieser chronische Schnupfen vermindert und verfälscht zwei unserer Sinne: Geruch und Geschmack. Unter diesen Umständen kann von einer Gesundheit nicht die Rede sein. Es ist kaum ein Organ in der gesamten Kapelle des Organismus, das sein Instrument in reiner Stimmung hätte und seinen Part zu spielen verstände. Das wundervolle Musikstück, das Meisterin Natur komponiert hat, kommt in einer schauderhaften Weise zur Darstellung, so dass sein eigentlicher Gedankehinhalt gärnicht mehr erkennbar ist. Es ist, als wenn norddeutsche Dorffiedler auf verstimmten Instrumenten eine Beethoven'sche Symphonie spielen wollten. Und das Bewusstseinsorgan, das viel berufene .Ich", das dazu verdammt ist, diese entsetzliche Disharmonie Tag für Tag und Jahr für Jahr mit anzuhören: es ist fürwahr kein Wunder, dass dieses unglückliche „Ich" dabei in Verzweiflung gerät. Diese Verzweiflung stellt sich dar als anscheinend grundlose Verstimmung, als Lebensüberdruss, Weltekel, Spleen, Misogynie usw. usw. Sie ist die gefühlsihässige instinktive Grundlage für den Pessimismus, der in unserer gebildeten Welt herrscht; die Neurasthenie war Arthur Schopenhauers bester Bundesgenosse auf seinem Weg zum Ruhm, zur Weltherrschaft. Hier nun, in dieser tiefen seelischen Verstimmung liegen die Ursachen für Erscheinungen, die dahin wirken, alle geschilderten Schädigungen noch auf das verderblichste zu verstärken Der gesunde Mensch fühlt sich in sich wohl; das dauernde Lustgefühl, das ihm die rein gespielte Symphonie seines animalischen Lebens bereitet, ist Glücks genug für ihn; und die normale Funktion der speziell mitbringenden Organe, namentlich bei der Nahrungsaufnahme und in der Liebe, sind durchaus ausreichend, um ihm die Opfer des Lebenskampfes lohnend erscheinen zu lassen. Dtr einseitig ver-