Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4921092-5965092-5965216--1128-4923998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 No. 10/11 aber mit der Entstehung manchen Falls von Zuckerkrankheit sicherlich in Beziehung steht. Dass sich in den Muskeln bei übermässiger Ruhe giftige Stoffwechselschlacken anhäufen können, haben wir bereits kennen gelernt. Dasselbe kann sich nun auch beim Darm ereignen. Die nur träge fortgeführten Massen der Ernährungsstoffe gehen chemische Veränderungen ein, denen sie bei normalschneller Verarbeitung und Fortschaffung nicht unterliegen. Der Zucker und die Mehlstoffe gehen in Gährung über, die Eiweissstoffe in Fäulnis, überall bilden sich schädliche, zuweilen extrem giftige Körper, die dann in den allgemeinen Stoffwechsel aufgenommen werden und alle Symptome des Gesamtleidens noch verschlimmern. Das sind dann die Fälle der erst in allerneuester Zeit in ihrem Wesen erkannten „Selbstvergiftung des Organismus"; und es giebt heute eine ganze Schule von Forschern, die die Neurasthenie geradezu als eine solche Selbstvergiftung auffassen, ebenso wie die Bleichsucht der jungen Mädchen, die im wesentlichen ja auch ein Privileg der .höheren Töchter" ist. Jedenfalls zweifelt aber niemand mehr daran, dass alle Erscheinungen der Neurasthenie durch Prozesse der Selbstvergiftung von den Muskeln, und namentlich dem Darm her, wesentlich verschlimmert werden. Eine solche Ueberschwemmung des gesamten Stoffwechselgebietes mit schädlichen, das heisst giftigen Stoffen, müss nun namentlich auf die Niere die schwersten Rückwirkungen äussern; denn die Niere ist das Hauptorgan der Entgiftung schon beim gesunden Menschen. Hier hat sie die zum Teil stark differenten Produkte der regressiven Eiweissmetamorphose, namentlich den Harnstoff, herauszuschaffen. Aber sie wird beim körperlich kräftig sich betätigenden Normalmenschen auf das glücklichste unterstützt von den Schweissdrüsen der Haut, die ebenfalls Harnstoff in grossen Mengen nach aussen abführen. — Beim Schreibtischmenschen aber hat sie nicht nur die ganze normale Arbeit allein zu leisten, sondern es wird ihr auch noch zugemutet, das enorme Plus von Giftstoffen, das infolge des naturwidrigen Verhaltens im Körper angehäuft ist, ebenfalls zu bewältigen. Das ist eine so vervielfachte Aufgabe, dass darunter in einer grossen Anzahl von Fällen ihr zartes Sekretionsepithel zusammenbrechen muss. Damit kein Organ in diesem circulus vitiosus fehle, werden auch die Sinne bei einer so verkehrten Lebensweise schwer geschädigt. Das Auge wird durch die fortwährende Einstellung auf nahe kleine Objekte, durch seine allzu lange "Beanspruchung bei schlechter Beleuchtung, durch die aktive Hyperämie des Gehirns, die intensive Denkarbeit mit sich bringt, und häufig auch noch durch eine passive Hyperämie,