Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 10/11 186 Dieser segensreiche Prozess kann da nicht stattfinden, wo ein Organ entweder zu viel oder zu wenig beansprucht wird. Wird es zu wenig beansprucht, so besteht sein aktiver Zellenbestand sehr bald aus alten funktionsfaulen, nicht mehr recht leistungsfähigen Elementen, vergleichbar etwa der aus schlafmützigen Philistern bestehenden Bürgerwehr der „guten alten Zeit" oder der Krüppelgarde Sir John Falstaffs. Ausserdem bleibt bei der trägen Drainage des Organs massenhaft Unrat aus der regressiven Stoffmetamorphose liegen, der die Saftwege mindestens mechanisch verrammelt und häufig geradezu giftige Rückwirkung auf den Körper ausübt. — Wird umgekehrt ein Organ intensiv oder extensiv übermässig beansprucht, so verlieren nach einer gewissen Zeit auch die jungen kräftigen Zellen ihre Kraft und Widerstandsfähigkeit; sie fallen sozusagen unreif ab; und da die Zeit der Ruhe nicht ausreicht, um das neue Zellenmaterial, das der gewaltige Wachstumreiz der.Ueberarbeit zum Aufblühen .bringt, bis zur vollen Funktionskraft zu entwickeln, so gleicht der Elementarbestand eines solchen überanstrengten Organs sehr bald einer Armee, die gezwungen ist, ihre Bataillone mit milchbärtigen Jünglingen und unreifen Knaben aufzufüllen. Dieser Vergleich hinkt weniger wie seine meisten Vettern. Es ist bekannt, das» solche Knabenarmeen im ersten Angriff eine fast unwiderstehliche Kraft, einen „61an" sondergleichen zu entfalten pflegen, dass aber auf eine Stätigkeit und Ausdauer bei ihnen weder im Angriff noch in der Verteidigung gerechnet werden darf. Und genau das ist das Charakteristikum der Neurasthenie, der reizbaren Nervenschwäche, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass in allen Organen schon ein verhältnismässig sehr geringer Reiz eine starke Reaktion auslöst, der aber in ausserordentlich kurzer Zeit eine durch nichts mehr aufzurüttelnde Erschlaffung folgt. Um nun den Mechanismus dieser eigentümlichen „Berufskrankheit* im einzelnen zu zeichnen, müssen wir uns klar machen, dass hier die beiden, oben im allgemeinen skizzierten Organschädigungen zusammentreffen, die übermässige Beanspruchung eines Organs, nämlich des Denkapparates, und die zu geringe Beanspruchung einer Organgruppe, nämlich des Bewegungsapparates. Das dauernd angestrengte Gehirn wird nach dem oben auseinandergelegten Gesetze der körperlichen Oekonomie dauernd von sehr grossen Blutmassen durchströmt, indem seine Gefässe dauernd sehr bedeutend erweitert sind. Diese aktive, auf Spannung der gefässerweiternden Muskeln und Erschlaffung der gefässverengernden Muskeln in der Arterienwand beruhende Erweiterung wird allmählich zu einer passiven Erweiterung, einer einfachen Erschlaffung. Und