Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4921092-5965092-5965216--1120-4923990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Na.-16/11 Prozesse der Wechselwirkung , der gegenseitigen Verursachung, die das charakteristische Merkmal alles organischen Geschehens darstellen. Eier verläuft dieser Kreislaufprozess derart, dass das Willenscentrum den Bewegungsapparat zu immer kräftigerer, immer glatter ineinandergreifender Arbeit anregt. Dabei übt es sich nicht nur selbst, das heisst wird kräftiger und leistungsfähiger, indem die oft geübten Associationen derverschiedenen Muskelcentren sich „einschleifen": sondern es werden ihm auch noch, von den Bewegungsorganen ausgehend, immer höhere, schwierigere Aufgaben gestellt, an denen es weiter erstarkt Dieser Prozess aber bleibt nun nicht nur bei der blossen Koordinationstätigkeit stehen, sondern, indem der Muskelwille erstarkt, erstarkt auch sein psychologischer Reflex, der von dort aus in das Bewusstsein, als Gesamtwille eingehende höhere Wille. Das heisst in grobem Deutsch: der Sport entwickelt die spezifisch männlichen Eigenschaften der Kaltblütigkeit, des Mutes, der Todesverachtung und die daraus erwachsenden Eigenschaften des Persönlichkeitswillens, des Willens, der sich selbst setzt und gegen eine Welt zu behaupten entschlossen ist. % Wir haben schon in der obengegebenen Betrachtung von dieser psychologischen Hauptwirkung der sportlichen Bewegung Kenntnis genommen: sie erwies sich als der Grund, weshalb der Adel in jedem seiner kulturhistorisch gegebenen Typen dem Körperspiel eine so ausserordentlich grosse Bedeutung beimisst. Nun ist die erste Aulgabe unserer unaufhaltsam zur Demokratisierung drängenden Zeit, dieser neuen Verfassung ein sicheres Fundament zu schaffen in der Erziehung der einzelnen Menschen, der Bürger der kommenden politischen Gemeinschaft, zum persönlichen Willen. Dazu führen zwei "ftfege. Der eine, dem wir hier nieht nachzugehen haben, führt über die Zertrümmerung „alter Werte", über die Befreiung der Seelen von all den altgeheiligten Tabu's der Klassenordnung, des Klassenrechts und der Klassenreligton. Der andere führt schlechthin über die Erziehung und Ausbildung des gesamten niederen Willensapparates zu der Kräftigung oder Schaffung des höheren Willens, der Männlichkeit im edelsten Sinne: nur ein Volk von derartig erzogenen Männern kann die Demokratie verwirklichen; nur in einem aolchen Volke kann sie erhalten werden: denn alter Umsturz im Interesse einer Minorität kann nur da glücken, wo kraft besserer körperlicher Ausbildung und vor altem kraft des dadurch erzeugten höheren Muts, kraft der „Herrentugend", die Minderheit stärker ist als Mehrheit