Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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176 No. 10/11 Betätigung gegeben werden wird, was ihnen gebührt. Aber es sind nicht nur solche elementaren Tatsachen der Volks-Psychologie, die der sportlichen Bewegung ihre unangenehmen Beimengungen geben, sondern es spielen da auch allerhand politische und ökonomische Faktoren mit hinein, die nicht nur, wie die eben besprochene Erscheinung, zeitlich accidenteü sind, sondern überhaupt accidentell: das heisst Erscheinungen, die aus ganz anderen Quellen stammen- und sich der sportlichen Bewegung nur äusserlich angehängt haben, so dass sie mit ihr eins zu sein scheinen. Wir denken hier an jenen ungeheuren Komplex wirtschaftlicher und politischer Veränderungen, die man mit einem kurzen Wort als die Feudalisierung des deutschen Bürgertums bezeichnen könnte. Indem namentlich die grosskapitalistische Entwicklung unterhalb der ehemals allein produktiv arbeitenden Schicht des deutschen Volkes, des Bürgerstandes im weitesten Sinne des Wortes, eine ganz neue Arbeiterschicht geschaffen, indem sie dergestalt die Last der eigentlichen Arbeit im engeren Sinne dem Bürgerstande abnahm und ihm nur die vornehmere, herrenmässige Arbeitsleitung — und in vielen Fallen die „allervornehmste" , herrenmässigste Lebensweise, die aus arbeitslosem Rentenbezug, übrig Hess: durch alles dieses wurde das Bürgertum seiner gesamten Psychologie nach eine neue Schicht echten „Adels". Denn anders stellt sich der Adel kulturhistorisch und geschichtlich nicht dar, als unter den genannten Kennzeichen. Diese, durch die Entwicklung erfolgte massenhafte Nobilisierung ist ja auch im übrigen durch die organisierte Staatsgewalt in ausserordentlich vielen Fällen durch Verleihung der drei berühmten Buchstaben ratifiziert worden. Und noch mehr zeigt sich, wie berechtigt unsere Auffassung ist, wenn man da» ausserordentlich enge Konnubium zwischen dem alten geschichtliehen Grundadel und dem modernen Industrie- und Geldadel betrachtet. Auch der Sprachgebrauch, der zumeist klüger ist als die brillenbewehrte Gelehrsamkeit, hat durch die Prägung der Worte „Schlotjunker, Industriebarone und Geldadel" die interessante Erscheinung nach ihrem Werte bezeichnet. Nun ist eine der sichersten Tatsachen der gesamten Soziologie, dass eine Gruppe, Klasse oder Kaste, sobald sie in bestimmte eigentümliche Bedingungen versetzt wird, auch gänz bestimmte eigentümliche Charakterzüge annimmt; namentlich das Triebleben passt sich mit verblüffender Geschwindigkeit der neuen Situation an; Antipathien und Sympathien entwickeln sich, die, wie alle Lust und Unlust überhaupt Waffen im Kampfe ums Dasein sind, so hier speziell Waftetr im Klassenkampfe oder Gruppenkampfe ums Dasein