Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 10/11 (10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 10/11 176 Eine zweite, iu diesem Zusammenhange regelmässig und nicht mit Unrecht schwer beklagte Erscheinung ist die aus der Ueberschätzung körperlicher Leistungsfähigkeit naturnotwendig sich ergebende Unterschätzung der geistigen und künstlerischen Potenz im Volksleben. Während früher gerade das deutsche Volk sich durch einen rührenden Respekt vor der geistigen Bildung nicht unvorteilhaft von anderen Kulturvölkern abhob; wahrend es geneigt war, dem Gelehrten und dem schaffenden Künstler die erste Staffel in der sozialen Hierarchie einzuräumen, ist das jetzt wesentlich anders geworden. Es ist kein Zweifel, dass ein erfolgreicher Rennfahrer wie Willy Arend im deutschen Volke weit bekannter und populärer ist, als sogar ein Künstler wie Adolph Menzel oder ein Gelehrterwie Helmholtz oder Hertz. Das ist gewiss nicht erfreulich: aber es fragt sich sehr, ob diese Erscheinung dem Eindringen des Sports in die Volksseele an sich zuzuschreiben ist, oder ob sie nicht viel mehr als rein accidentell zu betrachten ist. Und das ist in der Tat unsere Meinung^ die wir, wenn nicht beweisen, so doch wenigstens begründen können. Die Ueberschätzung körperlicher Vorzüge und die sie als Kehrseite der Medaille unerfreulich ergänzende Unterschätzung ideeller Leistungen betrachten wir zu einem Teil als Jugenderscheinung, als Symptom sozusagen der Flegeljahre des Sports. Alle Entwickelung verläuft bekanntlich in Pendelschlägen, und es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn die über ein Jahrhundert gehegte Ueberschätzung von Wissenschaft und Kunst und Unterschätzung einer kräftigen und harmonischen Körperausbildung zunächst einmal In ebenso starken Ausschlägen nach der Gegenseite zu der gleichen Ungerechtigkeit im umgekehrten Sinne geführt hat. Wie sich aus den überall zusammenschiessenden künstlerischen Sekten und Konventikeln, aus der zunehmenden Synthese' der spezialistisch zersplitterten Wissenschaft zu neuen, grossen, umfassenden Gedankengebäuden, wie sich namentlich aus der immer für die zu demnächstiger Herrschaft berufene Tendenz symptomatischen Haltung unserer oppositionellen Witzblätter ergiebt, hat der Pendel der Entwicklung seinen Rückweg zum Ausgangspunkt bereits wieder angetreten; eine gerechtere Schätzung der beiden höhermenschlichen Betätigungssphären beginnt bereits wieder Platz zu greifen, die Gloriole des Sports verbleicht ein wenig, Kunst und Wissenschaft treten auch für die Volksmasse mehr und mehr aus der Dunkelheit ihrer Verbannung hervor, und so ist anzunehmen, dass in absehbarer Zeit der Pendel der Entwicklung nur noch in ganz geringen Ausschlägen um den Ruhepunkt der goldenen Mitte schwingen wird, in der sowohl der sportlichen als auch der ideellen