Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 9 (9.1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4921092-5965092-5965215--1084-4923955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Xo. 9 151 Aber lange dauerte der Selbstbetrug der Juden unter Hadrian nicht. Sie empfanden, dass des Kaisers Weigerung, den Tempel auf dem früheren Platze wieder herstellen zu lassen, auf Unterdrückung ihrer Nationalität hinziele: und noch lebte in ihnen das Volksbewusstsein zu mächtig, als dass sie es leichthin aufgegeben hätten. Und als Inbegriff des Volkswillens und Volksunwillens, wie Grätz*) sagt, trat zu jener Zeit ein Mann auf, der dem unbestimmt schwankenden Nationalbewusstsein, das mit seinem Unterdrücker kämpfte* Bestimmtheit in Form und Ziel verlieh. Barkochbas Grösse liegt weniger in dem, was er gewollt, als vielmehr darin, wie er es wollte. Was er wollte, wollten viele, alle Anderen auch: Freiheit, Wiederherstellung politischer Selbständigkeit. Aber dass er alle Geister zu einer gemeinsamen Idee, der des Aufstandes, bannte,, dass er sowie sein Kampf- und Ge - sinnungsgenosse R. Akiba eine feste Organisation in die Wege leiteten, der sich der einzelne zum Wohl der Gesamtheit fügte, das war das Grosse. Es wurden Propagandareisen unternommen, um die Gemüter zu begeistern und über die Zwecke der Bewegung aufzuklären; und der Erfolg blieb denn auch vor der Hand nicht aus: eine halbe Million Krieger sammelte sich um die Fahne der jüdischen Nation. Dieser Vorgang des Anschwellens des j üdischen Nationalbe wusstseins hat sich denn in eben jener Weise auch in unseren Tagen wiederholt. Als man sah, dass die Völker trotz ihrer Versprechungen gar nicht daran dachten, die Juden als gleichberechtigte Staatsbürger auch in der Praxis anzusehen, besonders aber als man sich besann, dass im Judentum noch Kräfte schlummerten, die nur geweckt zu werden brauchten, um mächtig zu wirken, da begann eine Gährung, ein Erwachen aus jahrhundertlangem Todesschlaf zu frischem Leben. Schon in den 80 er Jahren des 19. Jahrhunderts machten sich die ernstlichen Anfänge eines praktisch sich betätigenden Nationalgefühls bemerkbar, Anfänge, die aber, weil zu nebelhaft, ohne System, ohne Mitarbeit aller, eben nur Anfänge blieben, Aber das Feuer der nationalen Begeisterung war geschürt, und es bedurfte nunmehr des Mannes, der es anzufachen verstand zur hochschlagenden Flamme. Und der Mann war Theodor Herzl. Barkochba undHerzl, welche Namen! Was Grätz von Barkochba sagt, fast wörtlich passt es zur Charakteristik Herzls. .....er steht da als der einzige Mittelpunkt der unaufhaltsamen Bewegung", sagt der grosse Geschichtsschreiber. Und weiter: „. . . er war lediglich von dem hohen Gedanken erfüllt, die Glanz des jüdischen Staates wiederherzustellen und die *) Grtta, Geweichte der Juden IV, 159 ff.