Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 9 (9.1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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löü No. 9 giebig und anscheinendfreundlich gegen sie verfuhr, gestattete ihnen sogar die Erfüllung eines langersehnten Wunsches, den Aufbau des Tempels. Betrachten wir zunächst einmal zum Vergleich die Jahrzehnte vor dem Erwachen des modernen jüdischen Nationalbewusstseins. Auch hier hatte der Druck des Mittelalters aufgehört, seit die Emancipation in den europäischen Ländern eingeführt oder wenigstens in Aussicht gestellt wurde. Und bedeutet auch die Emanzipationszeit für das innere, seelische Leben der Juden eine der traurigsten Epochen, äusserlich hat sie doch in den westlichen Staaten Europas wenigstens den grausamen Verfolgungen ein Ende gemacht. Aber was nützen die schönen Gesetze Preussens und Deutschlands z. B. von 1812, 47, 50, 69 und 71.' die Gleichheit aller Staatsbürger, also auch der Juden, versprachen, wenn sie, wie das bis heute der Fall ist, nicht beachtet werden! Sie mussten dieselbe Erbitterung in jüdischen Kreisen hervorrufen, die seinerzeit Hadrian erweckte, als er sich weigerte, sein Versprechen einzulösen. Denn kurz nachdem er die Juden durch Gewährung ihres Wunsches so beglückt hatte, begann er, bewogen durch Zuflüsterungen der den Juden feindlichen Christen und Samaritaner, zwar nicht den Aufbau des Tempels ganz zu verbieten, wohl aber gewisse peinliche Beschränkungen aufzuerlegen und Bedingungen zu machen, auf die, wie er wusste, die Juden nicht eingehen konnten. Und tatsächlich machte sich eine Erbitterung bemerkbar, die nur mit Mühe in Schranken gehalten werden konnte. Es trat nämlich ein Mann auf, dessen Typ wir auch heute noch täglich begegnen. R. Josua, ein friedfertiger Gelehrter, beschwichtigte die aufgeregte Menge, die sich schon in feindlichem Sinne zusammengerottet hatte, mit einer Fabel, die nur in anderer Form auch heute noch von den Duckmäusern im Judentum aufgewärmt wird. Die Quintessenz war: seid froh, dass euch der Römer nicht noch schlimmer behandelt, als er's tut, denkt an jenen Kranich, der dem Löwen noch dafür danken musste, dass er seinen Kopf lebendig aus dessen Rachen ziehen durfte! Für dies Mai war denn auch, äusserlich wenigstens, die Erregung vorüber. Wie sehr erinnert uns R. Josuas Verhalten nicht an jene sogenannten Führer des heutigen Judentums, die da raten, nur ja still zu sein, lieber noch ein paar Fusstritte, womöglich mit dankbar lächelnder Miene, einzustecken, als irgendwie seine Rechte geltend machen zu wollen! Und wie damals seine Worte, begleitet von der Autorität, die man ihm zollte, ihre Wirkung nicht verfehlten, so giebt es auch jetzt noch genug Juden, die sich also Sand in die Augen streuen und über das Schmähliche solchen selbstentwürdigenden Benehmens hinwegtäuschen lassen.