Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 8 (8.1904)
- Date
- 1904-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No.8 133 Bei diesem Streite, der äusserlich nur um die Berechtigung der beiden Geräte Barren und Reck geführt wurde, handelte es sich in Wahrheit um einen Kampf der schwedischen Gymnastik gegen das deutsche Turnen. Der Gründer des schwedischen Systems war bekanntlich der schwedische Fechtmeister und Skalde Pehr Henrik' Ling, geboren am 15. November 1776 als Söhn eines Predigers in Smaland. In Deutschland eingeführt wurde die schwedische Gymnastik durch den preussischen Hauptmann Hugo Rothstein, der sie auch derart erweiterte und ausbaute, dass man mit Recht "von einem Ling- Rothsteinschen System der Gymnastik sprechen kann. Die schwedische Gymnastik nahm ausschliesslich für sich das Recht in Anspruch, auf dem Wege einer wissenschaftlichen Konstruktion, speziell auf anatomischen, physiologischen und psychologischen Grundlagen gebildet und daher „rationell" zu sein. Rothstein sagte von Ling: „Er anerkenne eine neue Bewegungsform nicht eher, als er sich in ihrer Anwendung die notwendige Rechenschaft von ihrer Wirkung zu geben vermochte." Dies ist nun aber bei den allermeisten Bewegungen,, im besonderen bei zusammengesetzten unmöglich und daraus ergibt sich ein grosser Mangel der schwedischen Gymnastik, nämlich Armut und Einförmigkeit der'Uebungen. Als weiterer und wichtigster Mangel dieses Systems für die Lebens- und Erziehung« - Praxis ist hervorzuheben, „dass in ihm kein Baum für die Gemütstriebe belassen, dass das Ich vielmehr lediglich als personifizierter Verstand aufgeführt ist." (Gutachten zur Würdigung der Jahn'schen und Ling-Rothstein'schen Turnsysteme von einem ärztlichen Kollegium der Provinz Saohsen!) Kurz präzisiert war also die Ling-Rothstein'sehe Gymnastik eine aus der Studierstube hervorgegangene dürftige und langweilige Theorie, die wohl als Heilgymnastik angewandt manches Gute stiften konnte, aber niemals imstande gewesen wäre, einer gesunden Jugend Ersatz zu bieten für das aus dem Leben und der täglichen Praxis entstandene Jahn - Eisenlensche Turnen, das Geist und Körper gleichmässig erfasste, das nicht nur bildete, sondern auch erfreute. Rotbstein, der das System Lings auf einer Studienreise in Schweden (1848) kennen gelernt und in den folgenden Jahren sich eingehend wissenschaftlich mit demselben beschäftigt hatte, war seit dem 1. Oktober 1861 Unterrichtsdirigent der. neu gegründeten Königl. Zentral Turnanstalt in Berlin. — In dieser turnerisch hervorragenden Stellung entwickelte sich Rothstein bald zu einem ebenso fanatischen Verfechter der Ling'schen Gymnastik als leidenschaftlichen Feind des deutschen Turnens. In dem von ihm herausgegebenen Werke: „Die Gymnastik nach dem Systeme des schwedischen Gymnasiarchen P. H. Ling" ergeht er sich in masslosen Angriffen auf das Jahn-Eisenlen'sche Turnen. „Es fehlt dem