Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 4/5 (4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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76 No. 4 | Oberst Goldsmid. | Wir Juden haben einen grossen Verlust erlitten. Einen unserer Besten hat der unerbittliche Tod hinweggenommen, als er, frei von den Pflichten seines Berufes, gerade beginnen wollte, seine ganze Kraft der Arbeit für sein Volk zu widmen- Oberst Albert Edward W. Goldsmid ist am 27. März unerwartet in Paris gestorben. Er wollte seine Gemahlin aufsuchen, die nach einer schwereren Operation in Süd-Frankreich Erholung suchte, und erkrankte auf der Reise selbst an einer Darmverschlingung, die ihn in kurzer Zeit dahinraffte. Als Sohn einer englisch-jüdischen Beamtenfamilie, die zum Christentume übergetreten war, im Jahre 1846 in Indien geboren, erfuhr er erst in seinem elften Lebensjahre, dass er jüdischen Blutes sei. Sobald er majorenn geworden war und sein Offiziersexamen bestanden hatte, trat er 1866 ins Judentum zurück. Seiner militärischen Karriere hat dies offenbar nicht geschadet, denn er erlangte den Rang eines Obersten und ist im Burenkriege mit dem sehr verantwortungsvollen Posten eines Generalquatiermeisters betraut worden. Vor ganz kurzer Zeit ist er unter grossen Gunstbezeigungen seitens des Königs pensioniert worden. Die Liebe zu seinem Volke, die sich schon in der offenen Rückkehr aussprach, hat er sein Leben lang durch eifrige Tätigkeit für jüdische Interessen bewiesen. Er war der Präsident des Klubs der Maccabaeer in London, des ersten, in dem sich ein wahrhaft neues jüdisches Leben in England zeigte. Im Auftrage des Baron Hirsch hat er einige Zeit in Argentinien als Generaldirektor der dortigen Kolonien jüdischer Bauern zugebracht. Einer der ältesten Chowewe Zion in England, stand er der zionistischen Bewegung anfangs ablehnend gegenüber, bis er sich ihr schliesslich anschioss und sogar jüngst an der Expedition nach Wadi el arisch teilnahm. Uns jüdischen Turnern aber geht sein Verlust ganz besonders nahe, weil er in seiner Heimat eine Organisation ins Leben gerufen und zu hoher Blüte entwickelt hat, die von der unseren zwar in der Form verschieden ist, im Grunde aber dasselbe Ziel erstrebt. Es ist natürlich und zur Erreichung des gewünschten Erfolges durchaus notwendig, dass die moderne jüdische Bewegung in den verschiedenen Ländern nicht nach derselben Schablone arbeitet, sondern sich- Uberall den Verhältnissen anpasst. Dann allein ist es möglich, dass die Verjüngung unseres Stammes in jeder Beziehung erreicht wird. In den Ländern des östlichen Europa pflegt man die hebräische Sprache, die dem Volke ja geläufiger ist als uns, um ein eigenartiges Geistesleben auszudrücken und richtet Muster-Chedarim ein, in denen zur Zeit schon gegenüber der Schuljugend die bisher arg vernachlässigten Anforderungen der Körper- und Gesundheitspflege beachtet werden. In unserem deutschen Kulturgebiet suchen wir nach dem glänzend bewährten Muster des deutschen Volkes durch das Mittel des Vereinsturnens den judischen Körper zu stählen und den nationalen Geist zu erwecken. In England Ist unser Vereinsturnen unbekannt, man hat an seiner Steile den Sport. Goldsmid sah nun in den englischen Grossstädten infolge des unerschöpflichen Zustromes der jüdischen Einwanderer, der sich hauptsächlich