Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 4/5 (4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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77 aus Russland ergoss, die neuen Ghetti entstehen, wo die Jugend, die Zukunft seines Volkes, in den schauerlichen Sweatinghöhlen im Schmutz und ohne Licht und Luft verkümmerte. Er suchte ein Mittel, um dieser Jugend die Körperkraft zu geben, die nötig ist, den einzelnen zu erhalten, und die Disziplin anzuerziehen, die die Glieder einer Gemeinschaft besitzen müssen, damit sie ihr dienen können. Goldsmid, der britische Offizier und persönliche Verehrer des Sports, gründete deshalb, zunächst mit nur 60 Mitgliedern, die Jewish Lads Brigade, eine Organisation, in der die strenge militärische Zucht mit der Freiheit des englischen Sports verschmolzen ist, und die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „die jungen Menschen an Ordnung, Reinlichkeit und Ehrgefühl zu gewöhnen, sie selbstbewusst zu machen, die Ghetto-Krümmung zu tilgen und last not least den Körper der kommenden Generation zu kraftigen".*) Aus seinem Briefe an die Redaktion dieser Zeitschrift, der im September 1902 veröffentlicht ist, geht es auch hervor, wie sehr es ihm darauf ankam, mit seinem Werke der Gesamtheit zu dienen, und wie er die Verwandtschaft seiner Bestrebungen mit den unsrigen durchaus erkannte. Er hat es auch nicht versäumt, da er auf dem VI Zionistenkongress in Basel zugegen war, unserem dortigen Schauturnen beizuwohnen und hat das lebhafteste Interesse an unseren Vorführungen gezeigt. Goldsmid ist bis zuletzt Kommandeur der J. L. B geblieben, die standige Fortschritte macht und jetzt über 4000 Namen in ihren Listen führt. Nach Ihrem Vorbilde haben sich nicht nur in den verschiedensten Teilen des britischen Reiches, sondern auch in Amerika jüdische Jugendwehren gebildet. Es ist das Erfreuliche an dieser Parallel-Erscheinung der jüdischen Turnerschaft, dass sie beweist, dass die tatkraftigen Bestrebungen zur körperlichen Hebung der Juden sich nicht auf einen engen Kreis beschranken, sondern dass ihre Notwendigkeit in aller Welt erkannt wird. Diese Erkenntnis gibt uns auch die Zuversicht, dass Goldsmlds Werk nicht mit Ihm verschwinden, sondern unter der Führung anderer Manner ihn Uberdauern wird, die das begonnene fortsetzen und zu Immer fortschreitendem Gedeihen führen mögen. Viele jüdische Vereinigungen trauern mit uns an seinem Grabe, denen er seine Dienste geweiht hatte, oder die sich eins mit seinen Zielen wissen. Er war eine seltene Erscheinung, die aber gerade in den Hoffnungszeiten eines Volkes erklärlich ist. Er nahm freiwillig die schweren Schmerzen auf sich, die heute ein mit seinen Brüdern fühlender Jude empfindet, er. hat aber wohl auch die Freuden kennen gelernt, die in einem Volke wach werden, das sich auf sich selbst besinnt. Unsere Turner im Dienste jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen. Unsere Idee zieht immer weitere Kreise. Dem 2. Rechenschaftsbericht des Vereins „Jüdische Arbeiterkolonie und Asyl" in Weissensee bei Berlin entnehmen wir zu unserer grossen Freude *) Siehe Jod. Turn-Ztg. 190a, Heft 9, 10, 11.