Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 4/5 (4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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66 No. i Verhalten unserer eigenen Stammesgenossen — und sie sind es, ob sie es noch so hartnäckig ableugnen — und die Stellung des Deutschen Turntages, der den Gesamtwillen der Deutschen Turner verkörpert, in dieser Frage kennen zu lernen. Wo immer auch nur in solcher Angelegenheit von jüdischer Seite etwas Unjüdisches geschieht, wo immer auch nur Nichtjuden die Ehre jüdischer Turner angreifen, meinen wir Ganzjuden, die Pflicht zu lebhaftem Proteste zu haben, schon deswegen, damit nicht, wie stets bei derartigen Anlässen, dem Juden generell der Vorwurf der Schwäche oder eines Mangels an Ehrenhaftigkeit gemacht werde. Der Kampf der Nationalitäten um ihre ungestörte Existenz hat, wie allbekannt, in Deutsch-Österreich ganz besonders scharfe Formen angenommen. Er hat, wo er es anders nur versteckt tat, hier ganz offiziell seinen Einzug in den Turnkreis gehalten und die Einführung des sogenannten Arierparagraphen zur Folge gehabt. Der deutsch-österreichische Turnkreis (Kreis XV) hatte, um die Geschichte dieser Frage kurz wiederzugeben, denjenigen der zu ihm zählenden Vereine, die Juden als Mitglieder aufnahmen, den Stuhl vor die Türe gesetzt. Die hiervon betroffenen Vereine, im Ganzen 48, hatten sich zu einem Verbände der deutschfreiheitlichen Turnvereine zusammengetan und vor dem Berliner Turntage, nachdem bereits von einem früheren Turntage ihr Antrag auf Aufhebung dieses Kreis-Beschlusses eine Ablehnung erfahren hatte, den Antrag gestellt, ihrer Vereinigung die Rechte und Pflichten sowie auch den Namen eines Kreises zu verleihen. Dieser Antrag, vom Ausschuss warm befürwortet, wurde vom Deutschen Turntage mit einer sehr erheblichen Majorität (gegen 87 hauptsächlich österreichische Stimmen) angenommen. Mithin bestehen in Österreich, also auf dem gleichen Territorium, zwei in sich abgeschlossene, mit einander konkurrierende Turnkreise. Die deutsch-freiheitlichen Vereine, deren Mitglieder zu 40 bis 70 Prozent Juden sind, jubeln über diesen Erfolg. Und in der Tat bedeutet die Annahme des Antrages ein einzig dastehendes Entgegenkommen des Ausschusses und des Turntages, d. h. der gesamten Deutschen Turnerschaft. Denn die Schaffung dieses neuen Kreises widerspricht u. E. dem offensichtlichen Sinne des Statuts der Turnerschaft, nach dem die Kreise nur geographische und historische Einheiten darstellen, widerspricht unstreitig der bisher geübten Praxis.