Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 3 (3.1904)
- Date
- 1904-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Na. 3 und bekommen vom Lehrer mit starker Zuhilfenahme seines Stockes Bibel und Talmud, ohne Auswahl der Stellen, in der Ursprache eingepaukt. Im selben Zimmer kocht, wäscht und wirtschaftet die Frau Lehrerin, lärmt und hantiert ihr meist zahlreicher Nachwuchs. In dieser stickigen Athmosphäre verbringen diese jüdischen Schaler den ganzen Tag von 8 Uhr Morgen bis 8 Uhr Abend. Das kärgliche Essen bekommen sie von zuhause mit, nur selten, dass irgendwo Mittag für eine Stunde pausiert wird, damit die Kinder zum Mittagessen nachbause können. So sind die Chedarim eine Quelle körperlicher und sittlicher Deprivation. Vbn der seitens der Zionisten in Russland lebhaft propagierten Gründung von modernen Anforderungen entsprechenden Musterchedarim ist in Galizien vorläufig noch wenig zu spüren. In den Dorfschulen, welche die Juden meiden, wird ja das Turnen mangels der Vorrichtungen dazu auch kaum betrieben, aber da sind die Schulräume doch menschlicher und da tollen sich die Kinder in der schulfreien Zeit nach Herzenslust aus. In den öffentlichen Volksschulen der grösseren Städte, welche Schulen auch von Judenkindern besucht sind, wird in primitiv eingerichteten Turnzimmern geturnt. Um den Chedarim ein Gegengewicht zu bieten, wurden die nach ihrem Gründer so benannten Baron Hirsch-Schulen errichtet. Trotz des erbitterten Widerstandes der Chassidim gibt es heute ihrer 50, jedenfalls eine Errungenschaft in volkshygienischer und fast in jeder anderen Hinsicht. In diesen Schulen wird den Kindern, um sie vom Handel ab und auf das Handwerk hin zu lenken, der sogenannte sljoed (schwedischer Handfertigkeits-Unterricht) erteilt; da lernen sie mit Hammer, Hobel und Säge umgehen; immerhin etwas. Das Turnen liegt aber auch hier im Argen, teils aus Mangel an turnerisch befähigten Lehrkräften — in nationaler Beziehung verdienen sie alles Lob — und zum grössten Teil, weil man das Turnen grundsätzlich vernachlässigt. Nicht einmal das Turnspiel, zum dem im Sommer die nahen Wiesen locken und zu dem es keinerlei Geräte bedarf, wird gepflegt. Der „Wschöd", das polnisch geschriebene Blatt der galizischen Zionisten, hat diese Übelstände wohl gerügt, jedoch keine andere Wirkung erzielt, als dass sich die Leiter der Baron Hirsch-Scbulverwaltung, bes. Herr Sekretär Dr. Arnold Ascher in Wien, darüber ärgerten. Professor Leon Kallner, welcher als Vertrauensmann der Jüdisch-Nationalen in das Kuratorium der Baron Hirsch-