Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 29 zu beantworten. Mit Schrecken sahen diese Juden, die im Ge folge der Assimilationsbestrebungen auftretenden moralischen Ver heerungen, die sich in vielen Kreisen der deutschen Juden in der kläglichen Scham über ihre Abstammung, in der schmählichsten Verleugnung alles jüdischen Selbstbewustseins und Ehrgefühls dokumentierten. Angewidert von diesen trostlosen Zuständen im eigenen Lager, ausgeschlossen von der Liebe der nichtjüdischen Bevölkerung, wollten sie in dem, was ihren Vätern Jahrtausende hindurch Lebensinhalt und Trost gewesen war und was ihnen noch jetzt persönlich Leiden eintrug, einen moralischen Halt gewinnen und einen Boden für die freie Entfaltung jüdischer Kulturkräfte schaffen. Aber die Betrachtung der Vergangenheit und der Vergleich mit der Gegenwart öffnete ihnen die Augen darüber, dass das gegenwärtige Judentum ein nüchternes Kunstprodukt sei das ihrem Gemüte keine Befriedigung gewähren konnte. Und wie sie begannen, sich dem alten, schon halb vergessenen Judentum zuzuwenden, da drang der warme Frühlingshauch des reich erblühenden jüdisch-nationalen Lebens im Osten zu ihnen und brachte den erstarrten Gebeinen neues Leben. Das Band gemeinsamer Leiden und Freudtfh schlang sich wieder um alle Söhne einer Nation, und staunend blickte die Welt im Jahre 1897 nach jener Stadt am Rhein, wo das alte jüdische Volk seine Auferstehung feierte. Wenn die Gegner der jüdisch-nationalen Bewegung diese als eine blosse Reaktion auf den Judenhass, als einen Ausfluss unserer Verbitterung hinzustellen bemüht sind, so verwechseln sie den äusseren Anlass mit einer inneren positiven Begründung und bleiben mit ihrem Urteil an der Oberfläche der Dinge kleben. Der Nationalismus ist das notwendige Resultat einer historischen Entwicklung und eines Kampfes zwischen erhaltenden und zerstörenden Kräften im Judentum. Er ist aus dem inneren Bedürfnis derer hervorgegangen, die in der Verwässerung des Judentums nur eine Vorstufe zur völligen Auflösung erblickten, und denen die Rückkehr zu den alten Idealen eines unvenälschten Judentums als die beste Gewähr für die Erhaltung des Judentums erschien. Der rasche Aufschwung dieser Bewegung, die freudige Begeisterung, mit der sich die Jugend unter dem Banner der national-jüdischen Idee sammelt, beweisen, dass die Lebensunfähigkeit des zur „mosaischen Konfession" gestempelten Judentums ihren Grund in der Entnationalisierung hatte. Auch vom Judentum gilt, was Franz