Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 1 (1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 No. 1 etwas Überlebtes und Wertloses erscheinen Hess und sie an der Erkenntnis hinderte, dass Israel trotz seiner gegenwärtigen Knechtesgestalt der Hüter eines Schatzes sei, aus dem die sittliche Wahrheit für alle modernen Kulturvölker geflossen war. Nur dadurch glaubten sie einerseits den Vertretern deutscher Kultur ebenbürtige Mitstreiter werden zu können und anderseits sich der bürgerlichen Gleichberechtigung würdig zu zeigen, dass sie entweder für ihre für ihre Person durch die Taufe ihre kompromittierende Abstammung zu verwischen oder durch die Beseitigung alles Nationalen und die Dogmatisierung des Judentums nach christlichem Muster ihrer Gemeinschaft einen vermeintlich anständigen Aufputz zu geben versuchten. Sie machten es wie der Parvenü, der sich in vornehmer Gesellschaft seiner ehrbaren, aber ärmlichen Eltern schämt. An ihrer Spitze marschierte David Friedländer, der in einer Eingabe an Friedrich Wilhelm II. von einer „jüdischen Kolonie in den preussischen Staaten" sprach, und die Familie Itzig, die zusammen in Berlin eine in dem gekennzeichneten Geiste geleitete Freischule nebst einer Druckerei unterhielten. Dieser Geist ging auch in den Salons der berühmten Henriette Herz und Rahel von Varnhagen geb. Levin um, wo der Abfall von jüdischer Sitte, das Kokettieren mit dem Christentum resp. der Übertritt zu zu demselben Modesache wurde. Mit Recht sagt der jüdische Historiker Graetz von David Friedländer und anderen Männern, die über diesen Verfall klagten: „Die Wurzel des Übels sahen diese Sittenrichter nicht. Sie erblickten in dem Judentum nur eine blosse Kirchenreligion, welche einige Alltagswahrheiten über Gott und Moral enthalte, und verkannten, dass es ein nationales Institut ist, auf starken Säulen von Gesetzen und der Blutzeugenschaft von Jahrtausenden getragen u. s. w. (Bd. XI, S. 170). In assimilatorischem Sinne wirkte auch die 1792 gegründete „Gesellschaft der Freunde". Die Wühlarbeit so mannigfacher Faktoren musste schliesslich zu den traurigsten Folgen führen. Ver¬ Verdrehung und Verfälschung des Judentums bildeten nur die Hälfte der Arbeit, die durch eine völlige Assimilation gekrönt werden sollte; wo es die Erreichung eines solchen Zieles galt, durfte überempfindliche Ehrlichkeit nicht an dem Aussprechen einiger inhaltsleerer von der Kirche gewünschten Formeln hindern. Und so sah der Beginn des 19. Jahrhunderts die Schmach der Massentaufen. „Vom tausendjährigen Bunde einer nationalen Re-