Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 22 (1921)
- Issue
- 1-4 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 ... Der Hang zur Volkskunst dokumentiert sich schon heute in den aus der tiefsten Liebe zum Boden geborenen Volksliedern. Es gibt heute schon eine große Anzahl neuhebräischer Volkslieder, die von Mund zu Mund gehen. Es lehnt sich wohl eine große Zahl von ihnen an polnische und russische Motive an, nicht nur jüngste Herkunft der Menschen, sondern auch das immer wiederkehrende Steppenmotiv regt unbewußt dazu an, doch viele Lieder weisen schon das orientalische Spezifikum der Molltonart auf, scheinbar monoton und dennoch innig und ausdrucksvoll. (Sonderlich die SchomSrlieder, aus denen die langgezogenen Schreie der Nacht tönen und die Einsamkeit der Wüste.) Jerusalemer Nachtstück. Nirgends in Europa ist der Mond so wie in Jerusalem, wenn er in seiner ganzen Größe über der Stadt steht. Wenn Rosch chodesch vorbei ist, wie die Zeit des Monatsanfanges heißt, geht man hinaus nach Mozza oder nach Ain karim oder man steigt den Oelberg hinan, die breite Straße, die nach Sichern führt, oder zum Wäldchen, auf der Straße, auf der man mitunter glaubt, stracks in den Mond hineinzuschreiten, der dann, wenn man die Höhe erreicht hat, hart und groß die Fläche des Jam hamelach in die Moabiterberge glänzen läßt. Oder man geht hinunter in das Tal Siloah oder Josaphat zu den Gräbern der Propheten. Von irgendwoher kommt ein arabisches Hirtenlied zu einer Flöte, beim Goldenen Tor (das vermauert wurde, um dem Meschiach den Eintritt zu verwehren) zieht eine schweigende Karawairo, majestätische Kamele, denen groteske Mondschatten voranschwanken und weiß gekleidete Beduinen mit langen Flinten und schlanke, dunkelgekleidete Frauen, von denen manche von hinreißender Schönheit sind. Die Sterne sind wie flammende Augen eines millionenäugigen Tieres, das sich um die Erde windet. Breit und weiß zieht die Milchstraße von dort, wo der Himmel aus der Erde wächst, quer über ihn hinüber, und Sternschnuppe auf Sternschnuppe sinkt langsam, sprühend irgendwohin in den Raum. Stern bei Stern und auf der Stadtmauer liegt der Mond, erst blutend, dann immer reiner und reiner, bis er durchsichtig erscheint in seiner fernen, kalten und unnahbaren Keuschheit. Wenn man auf Ratisbonne steht oder auf dem Dache des Bezalel, sieht man unten die Stadt, wie eine Geisterstadt: Kuppeln, Dächer, Türme und rundherum die Zacken der Mauer und dann und wann eine gespenstische weiße □estalt und große schwere Schatten. Auf dem Steinfelde vor dem Bezalel sitzen Menschen auf Steinblöcken und singen ein arabisches Lied und in der Mondflut in der Mitte der Straße tanzen zwei kleine Kinder einen sonderbaren Tanz und singen ein hebräisches Kinderlied dazu. Hinter der Mauer von Ratisbonne weiuen im Kreise die Schakale... Erhabenster, großartigster Eindruck Jerusalems! In mächtigen Quadern, Jahrtausende überdauernd, ragen die Zeugen der großartigsten Geschichte zu riesiger Höhe empor. . . . Das ist die Gasse, die zur Kotel Tiamarawi führt. Hier an diesem erhabenen Reste des grandiosen Judentums muß man in der Nacht gewesen sein, die an den Fall des Tempels erinnert. Unbeschuht, schweigend, mit Laternen in den Händen, kommen die Juden und Licht auf Licht wandelt durch die stillen Gassen des Basars. Einzelne, Gruppen, Landsmannschaften. Im Kreise um ihre Rabbi setzen sie sich nahe an die Mauer Diese Nacht ist die Nacht der Trauer. Männer, deren Bärte die Zeit grau bereift hat, weinen wie Kinder, herzzerreißend sind ihre Gebärden; erschütternd ist das Wachen dieser Nacht. Als wäre der Tempel erst gestern gefallen. Aschkenassische Juden, aus Galizien und aus Rußland hergewandert, fcauern an der rechten Hälfte der Mauer nebeneinander; ekstatisch sind die Bewegungen dieser Abkömmlinge des Baal sehem. Ihre Hände greifen in die Luft und ihre Oberkörper werfen sich an die Mauer. Von links her kommt ungewisser Schein weißer Abbayen sephardischer Juden, der Adjatni, der Taimani, der „Spaniolen", der Juden, 'die die Mutter Asien nie verlassen hatten. Bärtige ernste Männer, in ihrer Mitte ihre Chachamim, singen ihre Gebete in den nasalen Lauten des ursprünglichen reinsten Hebräisch, dem kein Europa