Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 21 (1920)
- Issue
- 11 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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12 Zur Qcscfiicfife der jüdischen Turnerschaff. Die Anfänge der jüdischen Turneischaft reichen bis in das Jahr 1898 zurück. Basel, die Stätte, von der aus ein Jahr zuvor das jüdische Volk sein erstes offizielles Manifest in die Welt hinausgesandt hatte, wurde in diesem Jahre der Platz, wo der erste Ruf nach der so notwendigen körperlichen Regeneration erscholl. Es war kein geringerer als Max Nordau, der, neben Mandelstamm, die Einseitigkeit rein geistiger Bestrebungen geißelte. Die Folgeerscheinung war die Einberufung einer „konstituierenden Versammlung" in Berlin (22. Okt. 98), welche den jüdischen Turnverein Bar Kochba begründete, mit der Vereinstendenz: „Der J. T.-V. Bar Kochba bezweckt die Pflege des Turnens und der nationalen Gesinnung unter seinen Mitgliedern." Am 5. Dez. 98 fand die erste Turnstunde in der städtischen Turnhalle in der Gipsstraße zu Berlin statt. Der Verein zählte 48 Mitglieder. Schon damals wurde eine Verbindung geschlossen, durch welche, unmittelbar nach dem Gründungsakt enge Beziehungen zwischen der späteren jüdischen Turnerschaft und der Jüdischen Studentenschaft hergestellt Waren: Der Verein jüdischer Studenten in Berlin, der nach jahrzehntelangem Interregnum jetzt wieder seine Mitglieder zu den Turnabenden entbietet, trat eschlossen auf dem Turnboden in der Gipsstraße an, und brachte so em Verein den erwünschten Zuwachs. Die Baseler Ereignisse hatten indessen nicht nur im Deutschen Reich freudigen Widerhall gefunden. Hatte es schon das in jüdischer Hinsicht mehr als laue Berlin zu einem nationaljüdischen Turnverein von einem halben Hundert Mitgliedern bringen können, um wieviel mehr mußte die Bevölkerung der östlichen und südöstlichen Judenzentren die Verpflichtung fühlen, sich aufzuraffen, zumal wenn,man bedenkt, daß die körperliche Untüchtigkeit jener in primitiven Verhältnissen aufgewachsenen und noch nicht durch westeuropäischen Luxus verweichlichten Massen nur eine nichtswürdige zu Heil und Frommen der Assimilation erfundene Fabel ist. So entstanden in eben jenem denkwürdigen Kongreßjahre eine Anzahl österreichischer Vereine, und somit war die Grundlage für eine jüdische Weltturnerschaft gegeben, die freilich noch volle 5 Jahre ihrer Entstehung harren mußte, nämlich bis zum VI. Baseter Kongreß. In der Zwischenzeit wurde der Berliner Bar Kochba, der jetzt schon eine stattliche Zahl von Männer-, Frauen- und Jugendabteilungen umfaßt, durch Begründung einer Frauen- und Lehrlingsriege weiter ausgebaut. Im selben Jahre begann der Bar Kochba mit der Herausgabe seines Verbandsorgiansi, das nach mehrfachen Namensänderungen zurzeit vom Vorstand des Deutschen Kreises der Jüd. Turnerschaft unter dem Namen „Jüdische Turn- und Sport- Zeitung" herausgegeben wird, und der Aufrechterhaltung der Verbindung! unter den Mitgliedern im Reich sowie zwischen ihnen und anderen nationaljüdischen Organisationen, endlich auch zur Propaganda und Uebermittlunig» von Berichten dient. Am 2. November 1900 trat der Bar Kochba mit einem jüdischen Schauturnen zum ersten Male vor eine weitere Oeffentlichkeit. Hatten sich die dem Gründungsjahre des ersten jüdischen Turnvereins folgenden Kongresse, vom reinzionistischen Standpunkte aus betrachtet, im Augenblick drängenderen Fragen als der des inneren Aufbaus der Turnerschart widmen müssen, so hielt doch endlich im Jahre 1903 der Bar Kochba die Zeit für gekommen, die Aufmerksamkeit der breiten zionistischen Massen auf die entscheidende Bedeutung seiner Bestrebungen für das Jüdische Volk hinzu lenken. Wir sind es heute gewohnt, den Turntag, nach Abschluß langwieriger Verhandlungen durch ein Turn- und Sportfest gekrönt zu sehen. Damals war es anders. Der Glaube der Kongreßteilnehmer an jüdische Muskelkraft und Gewandtheit mußte vorerst durch den Anblick jüdischen turnerischen Könnens geweckt werden. So bildete denn ein am 21. August 1903 vom Bar Kochba und einigen außerdeutschen nationaljüdischen Turnvereinen mit nur 35 Teilnehmern veranstaltetes Schauturnen den Auftakt des VI. Zionlstenkongresses und des gleichzeitig stattfindenden ersten jüdischen Turntages.