Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 21 (1920)
- Issue
- 11 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 in gewissem Sinne nur als eine Renaissance der alten jüdischen Leibesübungen betrachtet werden kann, beginnt diese Theorie zu unserem Outen an Wahrheit zu verlieren. — Die jüdische Uurnbeiaegung. Von Julius Kaufmann (J. T.-V. Köln). I. Ein wichtiger Zweig der nationaljüdischen Bewegung ist die jüdische Turnbewegung. Sie findet leider nicht überall die nötige Beachtung. Die Wichtigkeit Körperlicher Ertüchtigung neben der geistigen ist vielen von uns noch nicht genügend zum Bewußtsein gekommen. In Deutschland befindet sich die Turn- und Sportbewegung in machtvollem Aufblühen. In der Schule wird dem Turnunterricht eine erhöhte Bedeutung beigemessen, die Turn- und Sportvereine nehmen an Zahl zu, und man hat neuerdings eine Hochschule für Leibesübungen gegründet, auf der Turnen und Sport als Wissenschaft, nicht nur in praktischer, sondern auch theoretischer Hinsicht behandelt werden. Noch deutlicher aber spricht zu uns Juden die jüdische Zeitgeschichte. Der Tag von San Remo hat unser Volk vor neue, jgewaltige Aufgaben gestellt. Wir werden sie nur lösen können, wenn wir auch über Körperliche Kräfte verfügen. Der Arm des jüdischen Bauern muß die Pflugschar führen, die ganze breite Masse des Volkes soll gesund und kräftig sein, daß sie die tragfeste Grundlage des neuen Gemeinwesens bildet. Wir müssen die Jugend dazu körperlich vorbereiten. Uns bedeutet Turnen und Sport nicht bloß körperlich e E rtü c h t ig u n g r.ls Gegengewicht zur Tätigkeit des Geistes, irns bedeutet es eine Umwandlung, eine Erneuerung.f Wir wollen durch Turnen und Sport Kräfte in uns entfalten, die bisher vernachlässigt wurden und deshalb verkümmern mußten, und wir hoffen durch die Neuentfaltung dieser Kräfte unser ganzes Volk von Grundauf umzuwandeln. Wir Juden sind ein körperlich degeneriertes Volk. Wir kennen die Ursachen dieser Erscheinung. Sie liegen in der Eigentümlichkeit unserer Diasporageschichte. Einmal kommt ein innerer Vorgang in Betracht: als das jüdische Volk seine staatliche Selbständigkeit einbüßte und unter die Volker zerstreut wurde, verlor es . damit. die natürlichen Grundlagen seines Daseins, und was in Zusammenhang damit stand, trat zurück. Der Sinn für das Nationale und die Liebe zum Körperlichen schwanden, während das Geistige einen überragenden Platz einnahm. Das Gesetz wurde das „tragbare Vaterland" und das Studium dieses Gesetzes füllte die Tage und Nächte des Juden aus. Es soll hier nicht die Notwendigkeit solcher Entwicklung, die von Neueren zwar, wie Berdyczewski, bestritten wird, verkannt werden, auch nicht das Gute, das sie brachte: jene starke Geistigkeit, die ein Vorzug des Juden vor vielen anderen Völkern ist, und die Höherbewertung alles Geistigen und Sittlichen vor dem Körperlichen und Materiellen, die nicht minder unser Stolz sein muß. Aber unsere Körper nahmen Schaden. Hinzu kam ein äußerer Vorgang aus dieser Zeit: die Konzentration der luden in den Ghettis. Das Ghetto hat uns von Licht und Luft abgesperrt und den Körper noch mehr verkümmern lassen. Die vielen Verfolgungen, denen unsere Väter ausgesetzt waren, und die in ihr Leben eine dauernde Unsicherheit brachten, trugen das ihrige dazu bei. Und als die Ghettomauern fielen, wirkte ein neuer Faktor in derselben Richtung: die Anomalie der Berufsumschichtung. Die Juden fanden, als sie hl das Wirtschaftsleben der Völker traten, die Berufe, in denen sie eine körperliche Tätigkeit hätten entfalten können, nicht mehr frei. Es blieben innen nur solche mit Gehirntätigkeit. In Preußen waren im Jahre 1882 von der jüdischen Bevölkerung 66 Prozent der erwerbstätigen Männer und 36 Prozent der erwerbstätigen Frauen im Handelsgewerbe tatig, während von der gesamten Bevölkerung nur 5 Prozent der erwerbstätigen Männer und 3 Prozent der Frauen dort beschäftigt waren. Die Zahl der Akademiker war 9 mal so groß als der jüdischen Bevölkerungsziffer entsprach. Bauern gab es überhaupt nicht. Militarstellen waren ihnen verschlossen. In den Handwerksberufen