Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 21 (1920)
- Issue
- 10 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492385-5965084-5965418--832-4923613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 Den Frauen aber, die heute noch unentschieden abseits stehen und nicht wissen, was sie sollen — ihrem bequemen Trost in Europa weiter nachzugehen oder mit einem großen Entschluß sich herausreißen zu lassen und teilzunehmen an dem Werke der Wiederaufrichtung ihres Volkes, denen möge das Wirken dieser 4 Chaluzoth eine Aneiferung zur Mitarbeit und Nachfolge sein! Das jüdische Volk und seine Dugend*). Von Arthur Sonnenfeld. Alle Versuche der jüdischen Jugend in der Diaspora, jüdisch zu leben, bleiben problematisch, solange sie in den entscheidenden Entwicklungsjahren von einer ihrem Innersten fremden Umgebung geformt wird. Aus dieser Erkenntnis heraus streben seit langem Zionisten in allen Galuthländern, auch in Deutschland, nach der Schaffung der jüdischen Schule, deren Endziel nicht, wie das der europäischen Schule, das „Bürgertum" ist, das - auf jüdische Verhältnisse übertragen — schnellste Assimilation bedeutet, sondernder jüdische Mensch. Wesentlich günstiger werden naturgemäß die Erziehungsmöglichkeitcn w Palästina sein. Aber auch dort stellt uns gerade das Wissen um unsere Bindungen an europäische Geistesart, um unsere Abhängigkeit von europäischer Denkweise, die unsere jüdischen Inhalte bis auf kümmerliche Keste verdrängt hat, vor Probleme von schwerwiegender Bedeutung für die Zukunft unseres Volkes. Denn das steht fest: „eine jüdische Jugend muß der heutigen Generation folgen, die ihr nicht folgt", die eine andere Einstellung zu der Welt und zu den Menschen gewinnen muß, die wohl konstruiert und ausgeklügelt sein darf, sondern ihrem wahrhaften Erleben entspricht. Uno es gilt, die Wege zu suchen, d ie adhin führen. Vom Schreibtisch lassen sie sich allerdings nicht finden; auch nicht, wenn man mit blühendster Phantasie begabt ist; auch nicht, wenn man ein genauer Kenner der jugendlichen Psych« ist unnd den heißen Willen hat, der Jugend zu dienen'. Das in Erez-lsraei erstehende Leben wird sich nicht in Normen zwängen lassen, seien sie noch so geistvoll formuliert; es wird aus sich heraus seine Formen schatten, die, vielleicht beeinflußt von fremden Vorbildern, doch keine schemenhafte Gebilde sind; vielmehr der Ausdruck des zutiefst im Einzelnen und in der Gesamtheit liegenden Wollens und Fühlens. Diese Bedenken verlassen uns während der Lektüre des B e r n t e 1 a ■ sehen Buches nicht einen Augenblick, selbst dann nicht, wenn uns sein Schwung und die verführerische Schönheit mancher Teile mitreißt. Sie verstärken sich besonders, wenn nach der zielsicheren, treffenden Kritik der bestehenden Zustände,, nach, der klaren geistreichen Darstellung des zu Erstehenden, Bernfeld uns praktische Vorschläge für die Durchführung seiner Theorien machen will, und uns — ein Märchen erzählt. Ein Märchen: bestechend una oft überzeugend, weil es in Vielem unserer aller Sehnsucht und Wünschen greifbar gestaltet; und doch aufgebaut auf wirklichkeitsfernen, manchmal verstiegenen Voraussetzungen. Der letzte bleibende Eindruck des Lesers ist: eine Utopie. Nicht, daß wir etwa, wie der Verfasser fürchtet, von vornherein Mißtrauen gegen Utopien hätten! Das haben wir verlernt in dieser Zeit, "ie das heute unmöglich Scheinende morgen zur Selbstverständlichkeit macht. Nur der Gedanke kommt uns an eine andere „Utopie", die nun Wirklichkeit ge" worden, d /e damals verlacht und bespöttelt wurde, aber doch alle noch nicht ganz im Galuthleben abgestumpften Judenherzen höherschlagen una den verschütteten Zukunftsglauben aufleuchten ließ. Woran liegt es, daß das Bernteldsche Ziel (im Grunde für uns viel weniger utopisch als einst die Idee vom „JucIen" *) Von Dr. Siegfried Bernteld, 2. Auflage, Verlag R. Löwit, Wien-Berlin 1Q20. Preis br. 8 M.