Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 21 (1920)
- Issue
- 9 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Vergangenheit und Zukunft der 3üdischen Turnersdiaff. Von T Ii e o b a I d S c h o I e m , J. T. u. Sp.-V. Bar Kochba Berlin. Bei der Gründung der Jüdischen Turnerschaft im August 1903 bildete die Tendenzfrage den Mittelpunkt der Erörterungen. Die Ansichten gingen darüber auseinander, wie weit der neue Verband seine Arme öffnen solle, um möglichst viele Mitglieder heran zu ziehen. Daß die Turnerschaft unbedingt national jüdisch sein müsse, stdnd bei allen fest. Wie weit der Begriff „nationaljüdisch" auszulegen sei, war strittig. Während einerseits der Standpunkt vertreten wurde, daß jeder jüdische Turnverein kraft seiner Existenz national sei, wurde andererseits betont, daß dies nicht ohne weiteres zutreffe. Die Festlegung der Tendenz in der Satzung sei notwendig- Andernfalls wäre die Jüd. Turnerschaft nicht lebensfähig'. Die letztere Ansicht drang grundsätzlich durch und es wurde der sogenannte Tendenzparagraph »«schaffen, lieber die Auslegung des Begriffes „nationaljüdisch" wurde eine Einigung erzielt. Die Satzung enthielt also die unbedingte Forderung der Tendenz in der Form, die noch heute besteht. Es zeigte sich sehr bald, daß eine Anzahl jüdischer Turnvereine nicht willens war, die Satzung anzuerkennen, und der Tendenz wegen den Eintritt in den Verband ablehnte. Die bekannten Einwände der „neutralen" Organisationen wurden hervorgekehrt und man ging sogar dazu über, einen üegenverbandi zu gründen. 'Dieser endete kläglich, in der kurzen Zeit seines Bestehens wurde der unzweifelhafte Beweis erbracht, daß jüdische Turnvereine sich nur dann behaupten können, wenn ihre Mitglieder von der nationaljüdischen Idee durchdrungen sind. So war es selbstverständlich, daß die Führer gleichzeitig die Träger der Idee waren. Nur wenige „turntechnische'' Ausnahmen bestätigen diese Regel. Auch Halbheiten und Konzessionen überzeugter Nationaljuden bei Neugründungen, die wiederholt gemacht wurden, blieben stets ohne dauernden Erfolg. Es kam entweder der Ruck in die Tendenz und damit die Aufnahme in die Jüdische Turnerschaft, oder der neugegründete Verein schlief mit der Konzession sehr bald ein. Das letzlerc war bei weitem häufiger, als das ersterc. Eine Warnung für alle, die jüdische Turnvereine gründen wollen! Der Aufbau der Jüdischen Turnerschaft bis zum Beginn des Krieges^ war ein ziemlich lockerer. Der äußere Erfolg wurde bis zu einem gewissen Orade erreicht. Beim ersten jüdischen Turnfest in Basel anläßlich des Zionisten-Kongresses im August 1003 traten 35, und 10 Jahre später in Wien 1100 Turne«" an. Der innere Zusammenhang ließ aber sehr zu wünschen übrig. Die zunehmende Erstarkung des Zionismus und die mehr und mehr erfolgende Eingliederun» aller nationaljüdischen Organisationen in seinen Machtbereich ließen die Turnerschaft sehr rasch ins Hintertreffen geraten. Die scheinbar erwünschte „Selbständigkeit" gegenüber der zionistischen Organisation ging zweifellos auf Kosten der dringend notwendigen inneren jüdischen und nationalen Entwicklung- So kam es, daß die einzelnen Vereine nicht nur durch die furchtbaren Kriegsopfer, sondern fauch durch das Fehlen einer straff disziplinierten, arbeitswilligen, von der nationaljüdischen Idee begeisterten Jugend, in eine sehr schwierige Lage gerieten. Auch wenn man die Jüdische Turnerschaft nicht a u _s - schließlich als eine Jugendorganisation betrachtet, muß doch der Haupt wert auf eine möglichst intensive Heranziehung der Jugend gelegt werden. Es genügt nicht, sie durch turnerische und sportliche Reize zu 1 o c k e n. Sie muß richtig erzogen werden, ohne daßsie es selbstgewahr wird. Um dies 'zu erreichen, ist eine völlige Umgestaltung der bisherigen Betriebsart erforderlich. Die Jüdische^!" urnerschaft kann in der bisherigen Weise nicht mehr weiter arbeiten. Sic muß selbst auf Kosten größerer Verluste das Leben ihrer Vereine ganz anders beeinflussen als bisher. Ihre Leitung m u B sich den Vereinen gegenüber durchsetzen, die nicht einsehen wollen, daB eine neue Zeit für das jüdische Volk und damit selbstverständlich nuch 'ur