Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 21 (1920)
- Issue
- 5 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 dächtigt zu werden, die hohe Bedeutung des Jiddischen für westliche Juden erörtern kann. Ich scheue mich sogar nicht, ganz apodiktisch zu erklären, dass der Grad der Beziehungen zu der jüdischen Volkssprache schlechterdings darüber entscheidet, ob das Nationalsein deutscher Juden lediglich eine inhaltsarme Angelegenheit organisatorischer Betriebsamkeit ist oder der Ausdruck einer neuen, das Individium inj Kern erfassenden und umprägenden Erneuerung im Jüdischen und Menschlichen. Wie sind denn die tieferen Zusammenhänge? Jiddisch ist nicht nur ein Gemengsei von Sprachbrocken und allerlei Calauern, ein Verständigungsvehikel für Geschäftsreisende und Schnorrer. Jiddisch ist die gemeisselte Form des zentralen Judentums und seiner Menschen — es ist die kollektive und persönliche Gebärde des östlichen Juden, also bei weitem mehr als blosse Sprache: es ist sein Gesichtverziehen, sein Nachdenken, sein Ueberflammen, seine Handbewegung und sein Schulterzucken — was von vielen Geschlechtern in der starren und grandiosen Zucht langer Jahrhunderte an Gemeinschaftswerten und Tugenden geschaffen worden ist, die Art ihres Liobens und ihres Leidens, ihre Hingabe und ihre Kleinmütigkeit vor allem aber ihr bewundernswerter Wanrheits- und Wirklichkeitssinn — dies alles ist in den Klang und W> das Wortgefüge des Jiddischen eingegangen, in der Verdichtung zu einer völlig selbständigen und charaktervollen Melodik und Rhythmik, und so sehr die gesamte östliche Nation umprägend und zeichnend, dass die Rückwirkung selbst auf das lebendige Hebräische, das doch auch nur (? Die Red.) im Osten die Zeichen organischen Weiterwachsens aufweist, unverkennbar ist. Der Auseinandersetzung in diesem Osten und seinen Menschen vermag auf die Dauer kein Westjude zu entgehen. Er mag sie noch so sehr, räumlich oder zeitlicn, von sich fortschieben — wenn er es irgendwie mit seinem Judesein ernst nimmt, erwartet sie ihn wie ein Verhängnis — ganz gleich, ob er als religiös gebundener und in der Tradition des Gesetzes handelnder Mensch die Erneuerung jüdischen Volksglaubens herbeisehnt oder sich für ein noch so weltliches Leben in jüdischer Volksgemeinschaft vorbereitet. Es ist ein verderblicher 'rr' tum vieler Jugendlichen, wenn sie glauben, der zähesten mühselige" Erarbeitung jüdischer Inhalte entraten zu können; ob im Osten °.. in Palästina — immer wieder werden sie auf ausgeprägtes, organisc^ gewachsenes Ostjudentum treffen. Das, was sieheutein e i n e bequemen und billigen Nachbeterei von Formeln,, die der deutschen Jugendbewegung vielleicht ge" mäss sein mögen, von sich weisen, werden sie u n , . erschwerten Bedingungen nachholen müssen, sobal sie in die Zentren jüdischen Lebens vorstossen- Wie will aber einer, der bis dahin völlig entwurzelt und vo deutscher Art übermässig geprägt und gezeichnet war, Verständn und Instinkt für östliches Sein gewinnen, wenn ihm selbst die wf84^ j liehen kollektiven Aeusserungen der jüdischen Gemeinschaft blieben? »Eine solche ist aber das Volkslied. Gewiss gibt es manche -