Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 21 (1920)
- Issue
- 4 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492385-5965084-5965412--617-4923403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
14 Falsifikate immer wieder verleitet, die ihm gerade vorliegende minderwertige Sammlung mit dem jüdischen Volkslied schlechthin zu identifizieren und dieses gegen alles Recht gering zu bewerten. Wem es jedoch gelingt, über! diese aufdringlichen und geschwätzigen Dinge hinweg in den reinen und geweihten Bezirk der echten Volkslieder vorzudringen, dem ergeht es wie einem, der sich aus dem grellen, vorlauten, den Atem bedrückenden Lärm grosstädtischen jahrmarkttreibens plötzlich in den wohltätigen Schutz stiller sanfter Wege und in die unendliche Landschaft geborgen sieht. Es bieten aber die Lieder, deren hohe Vollendung einem ohne weiteres eingeht, einen recht verschiedenen Anblick dar. Betrachtet man sie, wie gewaltsam das auch erscheinen mag, lediglich wie Gedichte, «° sind da, besonders unter den Liebesliedern, viele, deren sprachlich* und rhythmische Gewalt so bildnishaft und allgemein menschlich ist» wie Lyrik überhaupt nur sein kann. Von dieser "Seite, also vorn Dichterischen her, hat sich Ludwig Strauss bei seiner Auswahl östlicher Liebeslieder leiten lassen, die in einer rühmenswerten und edelen Uebertragung in den nächsten Tagen im Welt-Verlag erscheinen. Mag auch selbst in einer solchen unanfechtbaren Uebersetzuhg nur der Umriss dieser Lieder sichtbar werden, während alles, was ihre eigentliche Athmosphäre bedingt, der eigentümliche Wort: klang in seiner unaussprengbaren Einlagerung in die Melodie, di originale Singweise und Rhythmik dabei verloren gehen, so erschein es doch praktisch, wenn der Neuling auf dem Umweg über di&e Umdichtungen sich einen verhältnismässig bequemen Zugang zu den originalen Dingen sucht. .. Der Mensch, der sich in diesen Liebesliedern äussert, ist ei ganz anderer als der, den wir in der westeuropäischen Volkslyr1 vorfanden. Es erscheint gewagt, bei dem Charakter dieser "-iede von einer blossen Aeusserung zu sprechen, denn auch dort, wo Ol Dichtung in einer gewissen Verhaltenheit vor sich geht, ist die en - fesselte Unmittelbarkeit des schrankenlosen Gefühls nur selten g * meistert und beruhigt durch eine "dem deutschen Volkslied fast gesetzmässige Note eines Berichtens aus epischer Distanz. Nun aber sind da sehr viele Lieder, die in ihrer Sonderexistefl als blosses Gedicht gar nicht sonderlich überzeugen, weil sie ein fremdartige, starre und dem unerfahrenen Auge farblos dünke0** Monotonie aufweisen, die aber, sobald nur ihr erster Ton erk"!l»ji an die unendlichen Dinge zu rühren scheinen. Dies ist der r' gerade bei jener Gattung jüdischer Volkslieder, in die Süsse ufl Seltsamkeit der alten Jahrhunderte mit einer unfehlbaren Gewalt zj sammengeballt sind, bei den religiösen Liedern. Was si hier; in ganz schlichten Worten und Klängen auftut, vom Alter dunK * farbig abgetönt und zur untrennbaren Einheit verschmolzen, ist. riesige Landschaft eines religiösen Seins, das selbst den vielgestaltig Mythos und die Gebilde einer altersgrauen, doch ewig verjüng»^ Phantasie im Ethischen gefesselt hält und die seelischen Gesten ein ganzen Volkes bindet, Gesten von einer Einprägsamkeit und üb