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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1920-01-01 · 3 (1920) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
21 (1920)
Issue
3 (1920)
Date
1920-01-01
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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2t kultur mit etwas mehr Emst und Liebe unterstützt, dann würde selbst im Bürgertum das legitime Volkslied nicht durch den von der Grosstadtkultur übernommenen Singsang der Kabaretts und der Operettentheater verdrängt worden sein. So aber musste man schon zufrieden sein, wenn .der „Badchen" mit den Erzeugnissen seiner lehrhaften und der bürgerlichen Psyche einigermassen entgegenkommenden moralisierenden Improvisationskunst einen schwachen Ersatz bot für die alten schönen Volkslieder. Es ist kein Zufall, dass eine der ersten umfangreicheren Aufzeichnungen von Liedern, die unter Ostjuden gesungen werden (es ist die Dal man sehe Sammlung vom Jahr 1888), kaum ein einziges Volkslied enthält, sondern lediglich Stücke der badehunischen Poesie. Je mehr aber die Funktionen des Badchen dieser traditionellen Figur der häuslichen und öffentlichen Volksfeste von dem neu aufkommenden volkstümlichen Singspiel, vom jiddischen Theater tait seiner Unzahl historischer und nationaler „Operetten" übernommen wurden, um so grösser wurde die Geschmacks- und Begriffsverwirrung der bürgerlichen Masse. Sie wuchs noch, als die immer deutlicher auf den Plan tretenden nationalen und politischen Parteien sich ihre Tendenzlieder schufen und sie ihren Anhängern wert machten, obwohl die dichterische und musikalische Qualität dieser Zions- und Arbeiterlieder meistens nur negativ war. Plötzlich wurden da in Ginzburg und Mareks Sammlung, denen sich bald die populären, für den praktischen Gesang bestimmten Einzelausgaben der Petersburger Gesellschaft für Jüdische Volksmusik anschlössen, zum ersten Mal liedmässige Schöpfungen der Volksmassen offenbar, die in ihrer Reinheit und Vollendung jedermann überraschen und entzücken mussten. Wer wusste denn bis dahin, dass wir über einen nach vielen Tausenden zählenden Schatz echter Volkslieder aus alter und neuer Zeit verfügen, dass unser Volk mit den originalen Schöpfungen seiner reichen Lyrik nicht hinter anderen Stämmen Europas zurückzustehen braucht? Freilich, das Bürgertum war keineswegs erschüttert, und nur ganz allmählich begannen sich die gültigen Dinge gegenüber dem Wust von Gassenhauern und Sentimentalitäten „im Volkston" durchzusetzen, am ehesten dort, wo jüdische Arbeiter in der Werkstatt oder zu geselligem Zeitvertreib zusammenzukommen pflegen. Wer heute als Westjude dem Wesen dieser Lieder näher kommen will, der muss sich schon die Mühe geben, die mancherorts bestehenden Vereine ostjüdischer Arbeiter aufzusuchen) wo sich meistens: gute Liedersänger, Dilettanten im besten Wortsinn, vorfinden. Nur darf er sich nicht blindlings auf ihren Geschmack verlassen. Denn Menschen, die zwischen sentimentalen Nachahmungen und echter Volkslyrik zu unterscheiden wissen, sind auch unter Ostjuden selten; was einem in offiziellen, auch ostjüdischen Konzerten an jüdischen Volksliedern geboten wird, ist meistens ein jahrniarktmässiger (Musikklimbim aus der nicht eben wertvollen aphäre des Couplets und der Operettenschlager. (Zwei weitere Aufsätze folgen.) 3

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